EINBLICKE NR.24 OKTOBER 1996
 
FORSCHUNGSMAGAZIN DER CARL VON OSSIETZKY UNIVERSITÄT OLDENBURG
 

"Auf den Großmärkten ... bildet das Oldenburger Schwein eine Klasse für sich"

von Bernd Mütter und Robert Meyer

Die Landwirtschaft im Herzogtum Oldenburg wandelte sich zwischen 1871 und 1914 tiefgreifend. Im bereits marktorientierten Nordoldenburg fand ein Wachstumsprozeß sowie eine Änderung der Exportrichtung statt, im mittleren und südlichen Oldenburg verwandelte sich die rückständige Selbstversorgungswirtschaft in eine für den Markt produzierende Vieh-Exportwirtschaft auf Futterzukaufbasis. "Auf den Großmärkten in Westfalen bildet das Oldenburger Schwein eine Klasse für sich", schrieb enthusiastisch 1930 der Oldenburgische Oberlandwirtschaftsrat Heinrich Krogmann.

"Die oldenburgische Landwirtschaft [entwickelte] sich unter unserem jetzigen Landesherrn, nachdem sie vorher eine Periode des drohenden Niedergangs durchschritten, in bislang ungeahnter Weise. Sie gelangte in den meisten ihrer Zweige, insonderheit aber in der Tierzucht, zu einer Höhe der Leistungsfähigkeit, wie sie in kaum einem anderen Lande der Welt erreicht worden. Auf mancher Schau innerhalb und außerhalb des Landes freuten sich Fürst und Bauer an den prächtigen Erzeugnissen des heimischen Bodens, insbesondere den lebenden." Das schrieb Friedrich Oetken, erster Generalsekretär der Oldenburgischen Landwirtschaftskammer, in einem Artikel aus dem Jahr 1915.

Hochwertige Agrarprodukte sind heute im Überfluß vorhanden. Den jüngeren Zeitgenossen, die die Versorgungsprobleme der beiden Kriegs- und Nachkriegszeiten nicht mehr direkt erfahren haben, muß die Vorstellung schwerfallen, daß es davon einmal zu wenig gegeben haben könnte. Und dennoch war es im größten Teil der Geschichte so, und in der Dritten Welt ist es immer noch so. Wie in Deutschland die Nahrungsmittelknappheit überwunden wurde, wie sich daraus neue Probleme ergeben haben, das muß gerade den interessieren, der die Ernährungsprobleme heute im globalen Maßstab betrachten will. Die gegenwärtige Agrarproblematik in der Bundesrepublik, der EU und den westlichen Industrieländern insgesamt ist eine Konsequenz auch der Agrarmodernisierung, die seit dem 19. Jahrhundert in verschiedenen Schüben stattgefunden hat. Und so bleibt die Beschäftigung mit der Geschichte der Landwirtschaft für die heutige Orientierung nützlich. In Regionen wie Oldenburg, in denen die Industrialisierung im klassischen Sinne von Textil- und Schwerindustrie nur sehr punktuell und verhalten zum Zuge kam (z.B. in Osternburg, Delmenhorst, Nordenham, Wilhelmshaven), spielt die Landwirtschaft zudem bis heute eine Rolle, die weit über dem deutschen Durchschnitt liegt.

Landwirtschaftsmodernisierung national, regional, intraregional

Mit Agrar- oder Landwirtschaftsmodernisierung im engeren Sinne bezeichnet man Strukturwandlungsprozesse, die durch die Industrialisierung der Gesamtwirtschaft ausgelöst wurden. Dazu zählt z.B. die Schaffung neuer großer Marktgebiete durch Straßen- und Eisenbahnbau, die eine massenhafte Zufuhr von Mineraldünger und Futtermitteln erlaubten und somit die Produktivität der Landwirtschaft und zugleich ihre Absatzmöglichkeiten in den neu entstehenden städtischen Ballungszentren immens steigerten.

Ursprünglich untersuchte man wirtschaftliche Entwicklungsprozesse wie Industrialisierung und Agrarmodernisierung auf der Basis gesamtnationaler Durchschnittswerte (Konzept der "nationalen Integration"), bis man feststellte, daß damit wichtige Differenzen innerhalb der Volkswirtschaften verdeckt wurden. Man ging deshalb über zu Konzepten der regionalen Differenzierung und Wechselwirkung wirtschaftlicher Wachstumsprozesse (Konzept der "regionalen Differenzierung" und des "regionalen Vergleichs"). Dabei aber stellte sich heraus, daß auch die Regionen keine unveränderlichen Untersuchungsgrößen sind, sondern sich - beispielsweise unter dem Druck politischer oder wirtschaftlicher Prozesse - wandelten. Diese Beobachtung erforderte ein Fortschreiten von der inter- zur intraregionalen Fragestellung und führte zum Konzept unseres vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderten Projekts "Die Modernisierung der Landwirtschaft im Herzogtum Oldenburg zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg".

Wir beschränkten uns auf zwei Kleinregionen im Herzogtum, die aber für die Entwicklungsdifferenzen zwischen Marsch und Münsterländischer Geest exemplarisch sind. Gewählt wurden die Ämter Brake und Elsfleth (in der Wesermarsch) und das Amt Cloppenburg (Münsterländische Geest). Für beide Untersuchungsgebiete wurden Ausgangslagen, Faktoren, Mechanismen und Ergebnisse des landwirtschaftlichen Strukturwandels und Wachstumsschubes differenziert und vergleichend untersucht und dabei neben der Beschreibung auch Erklärungen für den Wandel erarbeitet.

Oldenburg im 19. Jahrhundert

Wer sich das Herzogtum Oldenburg während der Jahrzehnte des Kaiserreichs von 1871 bis 1914/18 genauer ansieht, der macht eine interessante Feststellung: Erst in diesen Jahrzehnten entwickelt sich das Herzogtum zwischen den Dammer Bergen und der Insel Wangerooge zu einer relativ einheitlichen Viehhochzuchtregion mit der Residenzstadt Oldenburg als deutlich ausgeprägtem Oberzentrum. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das Herzogtum demgegenüber noch aus einer Anzahl ganz unterschiedlicher Kleinregionen bestanden, die (seit 1815) zwar politisch, aber nicht wirtschaftlich und insbesondere auch nicht landwirtschaftlich auf das Zentrum Oldenburg hin ausgerichtet waren. Der Wandel vollzog sich - infolge ganz unterschiedlicher Ausgangslagen in den einzelnen Kleinregionen - keineswegs einheitlich.

Die intraregionalen, bis dahin als quasi naturwüchsig hingenommenen Differenzen in der oldenburgischen Landwirtschaft zwischen Marsch und Geest verschwanden während des Modernisierungsprozesses zwar keineswegs völlig, aber durch die konsequente Ausbildung einer landesweiten Viehhochzuchtregion wurden sie entscheidend zurückgedrängt. Diese Entwicklung fand statt aufgrund von Impulsen aus dem Lande selbst, vor allem aber infolge von außen einwirkender Faktoren.

Gründe für den Strukturwandel

Bei den von außen wirkenden Faktoren lassen sich drei Gruppen unterscheiden: Da sind einmal die gestiegene Nachfrage nach agrarischen Produkten aufgrund des starken Bevölkerungswachstums in der sich industrialisierenden deutschen Gesamtwirtschaft sowie die Steigerung der Reallöhne seit den 1890er Jahren und die damit verbundene Nachfrage nach Nahrungsmitteln wie Fleisch und Milch. Da sind weiterhin die direkten Impulse der Industrialisierung wie Eisenbahnbau (seit 1867 in Oldenburg) und Mineraldüngerimport (1913 wurden 214.486 t Dünger ins Herzogtum importiert). Und da sind schließlich Einflüsse, die von den modellhaften modernen Landwirtschaften der Niederlande, Englands und der Vereinigten Staaten ausgingen.

Die Wesermarsch war auch schon vor der Modernisierung teilweise markt- und exportorientiert gewesen, während Südoldenburg die überschießende Roggenproduktion wenig rentabel in den leichter transportablen Branntwein hatte umsetzen müssen. Vor diesem Hintergrund springt sofort ins Auge, daß sowohl die Entstehung großer städtischer Ballungsräume mit wachsender Kaufkraft - die durch die Verkehrsrevolution des Chausseen- und Eisenbahnbaus auch für Massengüter leicht erreichbar wurden - als auch umgekehrt die durch Mineraldüngerimport geschaffene Möglichkeit, riesige bisher ungenutzte Landreserven ökonomisch zu mobilisieren, den zurückgebliebenen südoldenburgischen Geestämtern qualitativ ungleich mehr nutzte als den schon relativ entwickelten und leistungsfähigen nordoldenburgischen Marschämtern.

Von den im Lande selbst angesiedelten Faktoren sind vor allem die in Oldenburg sehr bedeutende Rolle des Staates (z.B. Förderung von Chausseen- und Eisenbahnbau, von Moorkultivierung und landwirtschaftlichem Schulwesen), die ländlichen Betriebsverhältnisse und schließlich das landwirtschaftliche Vereins- und Genossenschaftswesen von Bedeutung. So waren im Amt Cloppenburg im Jahr 1914 bereits 31 % aller Landwirte in landwirtschaftlichen Vereinen organisiert, in der Wesermarsch waren es dagegen nur 18 %.

Wege der Angleichung

Die Wege der Angleichung zwischen der Wesermarsch und dem Amt Cloppenburg sind komplexer als zunächst vermutet. So spielt die Schweinezucht auch in der primär rindvieh- und milchwirtschaftlich orientierten Wesermarsch und umgekehrt die Rindviehzucht auch in dem stark getreidewirtschaftlich und an Schweinezucht orientierten Geestamt Cloppenburg eine erhebliche Rolle: In der Wesermarsch wurden 1873 34.132 Rinder gehalten, 1913 50.325 (+47,4 %), im Amt Cloppenburg entsprechend 14.611 bzw. 26.999 (+84,4 %). Die Schweinehaltungszahlen dagegen explodierten förmlich: In der Wesermarsch von 2.918 (1873) auf 32.024 (1913), im Amt Cloppenburg gar von 5.286 auf 93.812, das entspricht einer Zunahme von 1674,7 %!

Dennoch lagen die Akzente der Modernisierung auf unterschiedlichen landwirtschaftlichen Produktionsbereichen: in der Wesermarsch auf der Intensivierung der schon weit entwickelten Rindviehzucht (1913 bestanden 78,5 % ihrer Fläche aus Wiesen und Weiden) und des Aufbaus einer modernen Milchwirtschaft mit den Zentren Rodenkirchen und Strückhausen, in Cloppenburg auf der großenteils flächenunabhängigen Schweinezucht und -mast bei gleichzeitiger Ausdehnung der Kulturfläche und unter Beibehaltung eines beträchtlichen Getreideanbaus. Noch 1913 hatte das Ackerland im Amt Cloppenburg einen Anteil von 31,6 % an der Gesamtfläche, bei einem Ödlandanteil von 40,5 %; in der Wesermarsch betrug demgegenüber der Ödlandanteil bereits 1866 nur 6,7 %. Die reine agrarische Monokultur, wie sie sich gleichzeitig etwa in den großen Mastviehbetrieben Hannovers oder den reinen Abmelkwirtschaften des Ruhrgebiets und bei vielen ostelbischen Getreidegroßproduzenten ausbildete, setzte sich allerdings nirgendwo dominant durch.

In diesem Zusammenhang ist offensichtlich, daß die agrarwirtschaftliche Entwicklung in der zu Beginn des Untersuchungszeitraums schon weit entwickelten Wesermarsch nicht stehenbleibt, während die Ämter des weit zurückgebliebenen Oldenburger Münsterlandes den Pfad der Landwirtschaftsmodernisierung mit Macht betreten. Dies hat zur Folge, daß der Begriff der "Landwirtschaftsmodernisierung" im Untersuchungszeitraum für die Wesermarsch teilweise sehr andere Sachverhalte abdeckt als für Cloppenburg.

Intraregionale Angleichung

Angleichung" der Untersuchungsgebiete bedeutet nun nicht "Deckungsgleichheit", sondern eher "durchschlagende Assimilationstendenz". Zum ersten Mal in der regionalen Landwirtschaftsgeschichte verringert sich hier der fundamentale Abstand zwischen Marsch und Geest - statt sich weiter zu vergrößern oder auch nur zu stabilisieren. In Produktion, Produktivität, Betriebsweise, sozialstrukturellem Hintergrund unterscheidet sich die Wesermarschlandwirtschaft auch am Ende des Untersuchungszeitraums noch deutlich von der Cloppenburger Geestlandwirtschaft. Gleichwohl ist die Tendenz zu mittleren Betriebsgrößen in beiden unverkennbar.

Diese Angleichungstendenz wird nur dann in ihrer vollen Reichweite sichtbar, wenn man sich die jahrhundertelang als unüberwindlich erscheinende Marsch-Geest-Differenz vor Augen hält und auch nach den Mechanismen funktioneller Äquivalente in den Agrarmodernisierungsprozessen beider Untersuchungseinheiten Ausschau hält. Dabei stellt sich dann z.B. heraus, daß die südoldenburgische Geest von der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, der Verbreitung des Mineraldüngers und der Importmöglichkeit für preiswerte Futtermittel (1913 gingen 37.168 t Futtergerste nach Cloppenburg, das sind 13 % des oldenburgischen Gesamtimports) infolge ihrer bislang relativ nutzlosen Landreserve in Gestalt von Moor- und Heideflächen viel stärker zu profitieren vermochte als die Marsch. Die Weiterführung der Modernisierung in der Wesermarsch läßt sich dagegen problemlos als Fortsetzung schon existierender Verhältnisse deuten, während es in der zurückgebliebenen Geest zu wahrlich struktursprengenden Konsequenzen kam, zum radikalen Übergang von einer bisher ganz dominanten Subsistenzwirtschaft zu großräumig angelegter Marktorientierung. Es gelingt zum ersten Mal, die naturgegebenen Differenzen des Bodens auszugleichen. Aus der praktisch unbegrenzten Verfügbarkeit von Mineraldünger und - zumindest bis zum Ersten Weltkrieg - von Futtergetreideimporten profitierte das arme Südoldenburg relativ betrachtet stärker. Die Wesermarsch konnte und wollte diese Chancen nicht im gleichen Umfang nutzen.

Konsequenzen für die Gegenwart

Das Oldenburger Münsterland und mit ihm das Gebiet des ehemaligen Amtes Cloppenburg - in der Entwicklung seiner Landwirtschaft noch vor hundert Jahren weit hinter der Marsch zurück - zählt heute schlechthin zu den landwirtschaftlichen Intensivregionen Europas. Die vor dem Ersten Weltkrieg begonnene Umstrukturierung seiner Landwirtschaft setzte sich in der Zwischenkriegszeit, vor allem aber seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in atemberaubendem Tempo fort. Heute dürfte der landwirtschaftliche Produktions- und Produktivitätsvorsprung des Oldenburger Münsterlandes vor der Marsch nicht geringer sein als der Vorsprung der Marsch vor der Geest um 1870. Freilich: Der landwirtschaftliche Fortschritt, von dem das zurückgebliebene Südoldenburg um 1900 fast nur Vorteile hatte, stößt dort heute entschieden an seine ökologischen und sozialverträglichen Grenzen.

Die mit der hochmodernen industrialisierten Viehhaltung verbundenen Probleme werden über kurz oder lang zu einer Umorientierung, möglicherweise einer neuen Modernisierung der Landwirtschaft ganz anderer Art führen müssen. Und hier ist nicht nur an die Gülle-Überproduktion vor allem in Südoldenburg mit all ihren Begleiterscheinungen zu denken: Der Dünger ist inzwischen zu einem Abfallprodukt und zu einer Umweltbelastung ersten Ranges geworden - um 1900 war er ein vielbegehrtes Gut. Auch die Fleischqualität der in agroindustriellen Massenbetrieben gehaltenen Schweine hat sich nicht unbedingt verbessert - übrigens ein weiterer großer Unterschied zur Agrarmodernisierung der letzten Jahrhundertwende.

Vom intra- zum interregionalen Vergleich

Schon das Beispiel dieses begrenzten Projektes zeigt, zu welchen Ergebnissen die inter- und intraregional vergleichende Wirtschaftsgeschichte, gerade auch im Bereich der Landwirtschaft, führen kann. Künftige Untersuchungen sollten sich mit einem Amt der Oldenburgischen Geest befassen (Ämter Westerstede und Wildeshausen), um eine weitere Variante der Landwirtschaftsmodernisierung zwischen Marsch und Münsterländischer Geest zu erarbeiten. Vor allem geht es nun aber auch um einen interregionalen Vergleich zwischen dem Herzogtum Oldenburg und naturräumlich wie standortmäßig ähnlich geprägten Nachbarregionen, z.B. Ostfriesland und Bremen-Verden (preußische Regierungsbezirke Aurich und Stade). Erst in solch direktem Vergleich würde präzise faßbar, welche Rolle der Staat bei der Landwirtschaftsmodernisierung in Oldenburg wirklich gespielt hat, im Unterschied und/oder Parallele zu Preußen, dessen Landwirtschaftspolitik sich primär nicht an den Interessen der nordwestdeutschen bäuerlichen Viehzüchter, sondern an denen der ostelbischen Getreidegroßproduzenten orientierte. Die Autoren
Prof. Dr. Bernd Mütter, Jahrgang 1938, lehrt Didaktik der Geschichte am Historischen Seminar. Seine Arbeitsgebiete: Geschichte und Theorie der Geschichtswissenschaft und der historischen Bildung, Geschichte und Theorie der Geschichtsdidaktik, Agrarmodernisierung im Industrialisierungszeitalter, historische Erwachsenenbildung. Robert Meyer, Jahrgang 1960, studierte in Oldenburg Geschichte und Englisch. Heute ist er wiss. Mitarbeiter und Promovend im Forschungsprojekt "Die Modernisierung der Landwirtschaft im Herzogtum Oldenburg zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg".