EINBLICKE NR.23 APRIL 1996
 
FORSCHUNGSMAGAZIN DER CARL VON OSSIETZKY UNIVERSITÄT OLDENBURG
 

Wovon das Schlafzimmer ein Zeichen ist

von Thomas Jung und Stefan Müller-Doohm

In der 'Erlebnisgesellschaft' ist die Art und Weise des Wohnens ein wichtiges Feld der alltagsästhetischen Selbstinszenierung. In diesen Prozeß des 'Impression Management' ist längst auch die Gestaltung des Schlafzimmers hineingezogen worden. Deshalb gilt selbst für diesen Intimbereich der Satz: "Sag mir, wie Dein Schlafraum gestaltet ist, ich sage Dir, wer Du bist." Allerdings ist auch die Gestaltung des eigenen Lebensstils im Bereich der Schlafraumkultur gesteuert von der Angebotsseite und ihren Vermittlern: den Wohnzeitschriften, Einrichtungshäusern, der Werbung etc. Auf welche Weise diese Vermittlung von Lebensstilen geschieht, ist im Rahmen einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten kultursoziologischen Studie untersucht worden. Die Ergebnisse verraten, wovon das Schlafzimmer ein Zeichen ist.

 Claes Oldenburgs Bedroom Ensemble
Claes Oldenburgs
"Bedroom Ensemble - Replica I",
1969, Frankfurter Museum für Moderne Kunst

Wir haben uns als Kinder der Moderne längst daran gewöhnt, daß die Aufklärungswissenschaften, deren Spitze die Soziologie einnimmt, mit Tabus brechen, nicht nur gegen Vorurteilsstrukturen ankämpfen, sondern auch eingespielte Gewohnheiten in Frage stellen und die bewährten Selbstverständlichkeiten unseres Alltagslebens über den Haufen werfen. Was ist aber davon zu halten, wenn die Wissenschaft von der Gesellschaft, vollends haltlos geworden, in die Schlafzimmer unserer Privatwohnungen eindringt und sich zwischen Bett, Nachttisch und Kleiderschrank voyeuristisch zu schaffen macht? Bei aller Sympathie für die Vehemenz wissenschaftlicher Neugier ist diese Grenzüberschreitung des soziologischen Blicks des Guten zuviel.

Wegen dieser verständlichen Reaktion ist im Falle der Schlafzimmersoziologie unter allen Umständen Zurückhaltung und äußerste Vorsicht geboten. Denn das Schlafzimmer ist, so belehrt seine Kulturgeschichte, traditionell eine Stätte höchster Intimität, ein häuslicher Bereich, den man jedenfalls seit der Durchsetzung der bürgerlichen Privatheit vor den neugierigen Zugriffen der Außenwelt schützt.

Seit wann gibt es das Schlafzimmer als separaten Raum, der sich hinsichtlich seiner Bedeutung beispielsweise vom Wohnzimmer, dem Arbeitszimmer, dem Kinderzimmer, der Küche und dem Bad unterscheidet? Im Mittelalter und bis in die späte Neuzeit hinein schlief das gemeine Volk relativ ungeregelt, des Nachts in bunter Vielfalt, gemeinschaftlich an Plätzen, denen man keine besondere Aufmerksamkeit zollte und die deshalb jedermann zugänglich waren. Demgegenüber galt in der höfischen Gesellschaft des Absolutismus der Prozeß des Be- und Entkleidens sowie des Zubettgehens und der Morgentoilette als ein bedeutend repräsentativer Vorgang, den beispielsweise Ludwig XIV. mit großem Aufwand inszenierte bzw. inszenieren ließ.

Schlafzimmer der Gegenwart
und um die Jahrhundertwende
Schlafzimmer heute und gestern Schlafzimmer heute und gestern

Es besteht unter Kulturhistorikern Übereinkunft darüber, daß das gewohnte Ideal eines Heims mit der funktional zweckbestimmten Standardunterteilung in Wohnen und Schlafen, Küche und Bad kaum älter als ein Jahrhundert ist. Als Lebenspraxis war das geregelte Wohnen im Privathaus lange Zeit Privileg der wohlhabenden Schichten, die sich eine Familie leisten konnten (wie neben dem Adel das Wirtschafts- und Bildungsbürgertum). Als Sozialreformer gegen Ende des letzten Jahrhunderts Vorstellungen über familiengerechtes Wohnen entwickelten und Mindestgrößen für Innenräume bestimmten, setzte sich langsam die räumliche Separierung des Schlafbereichs gegenüber dem Wohnbereich als Norm durch. Die großbürgerliche Lösung, für den Herrn, die Dame und die Kinder jeweils eigene Schlafmöglichkeiten vorzusehen, galt als Luxus. Wohnkultur ist nicht zuletzt von den ökonomischen Spielräumen abhängig, die schichten- und milieuspezifisch differieren. Insofern verdankt sich auch die Schlafkammer oder das Schlafzimmer einem mit der Moderne einsetzenden Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozeß. An dessen Ende steht mit der Wohlstandsgesellschaft die Individualisierung, die eine ausschlaggebende Bedingung für die Privatisierung des Schlafens in einer von bürgerlichen Leitbildern geprägten Wohnraumkultur ist. Psychohistorisch gesehen ist das eigene Bett in den eigenen vier Wänden langfristig Resultat des von Norbert Elias beschriebenen Zivilisationsprozesses. Dieser geht nicht nur mit der Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre sowie mit einer rationalen Lebensführung und Affektkontrolle jedes einzelnen einher, sondern führt auch zu einer allgemeinen Sensibilisierung des Individuums gegenüber seinesgleichen und damit zu immer engeren Grenzziehungen hinsichtlich persönlicher Schamgefühle. Von diesem Zeitpunkt an gilt: Wer Schlafzimmer sagt, sagt auch Intimität. Im Schlafzimmer hat der Fremde nichts zu suchen. Dort hält sich die Privatperson nur selber auf, und dies zu jeweils festgelegten Stunden, in denen man im Nachtgewand zu Bett geht, ins eigene natürlich, um ungestörten Schlaf zu finden, den allenfalls die "süßen Träume" begleiten dürfen. Genauer: Gegenüber der öffentlichen Außenwelt hebt sich die Innenwelt der privaten Häuslichkeit ab, in der sich intern die vor den Blicken anderer geschützten Orte des Intimen ausdifferenzieren, und zwar in deutlicher Abgrenzung zu den Räumen für Repräsentationszwecke sowie für das Leben der Familie als ganzes.

Das bürgerliche Schlafzimmer

Diese Tatsache, daß das Schlafzimmer die Bedeutungszuschreibung als Raum höchster Intimität innerhalb der häuslichen Innenwelt erhält, läßt sich jedoch keineswegs ausschließlich darauf zurückführen, daß die von ihren Alltagsgeschäften ermatteten Körper und Geister an diesem Ort ihre verdiente Nachtruhe finden und tun, was der Raum seinem Namen nach vorschreibt: schlafen. Zwar wird im Schlafzimmer zu festgelegten Zeiten zu Bett gegangen, eine Tätigkeit, der die Gattung Mensch gut ein Drittel ihrer Lebenszeit opfert, aber dieses so zeitaufwendige Zubettgehen ist in gar nicht so seltenen Fällen ein Mittel zu ganz anderen Zwecken: des Beischlafs. Eine Einsicht, die kaum soziologischen Scharfsinn verlangt. Weil vorzugsweise in der bürgerlichen Ehegemeinschaft Schlaf und Beischlaf - örtlich gesehen - eine Einheit darstellen, bleiben nicht nur die Türen dieses speziellen Raums geschlossen, sondern sein Interieur muß zwei der Erscheinung nach gegensätzlichen Verhaltensweisen Rechnung tragen: der jeweils störungsfreien Passivität des Schlafens und der Aktivität des Geschlechtsakts. Folglich darf erwartet werden, daß sich in der Symbolik der Schlafraumkultur die komplizierte Polarität dieser doppelten Zweckbestimmung spiegelt. Trotz dieses Passiv-Aktiv-Gegensatzes von Schlaf und Beischlaf ist diesen geschützten Verhaltensweisen im Schlafzimmer etwas gemeinsam: die letztendlich regenerative Funktion, im einen Fall die Erhaltung der individuellen Arbeitskraft, im anderen die Erhaltung der Generationenabfolge, damit der Gattung insgesamt.

Die örtlich organisierte und sozial ausgestaltete Einheit von Schlaf und Beischlaf macht die Soziologie des Schlafzimmers auf der einen Seite zu einem spannenden Forschungsfeld. Denn es gilt herauszufinden, in welchem Beziehungsverhältnis die sozialen Handlungsweisen der individuellen Regeneration und der Sexualität stehen und vor allem, welche symbolischen Ausdrucksformen diese beiden zentralen Lebensweisen in der kulturellen Gestaltung des Schlafrauminterieurs gewinnen. Auf der anderen Seite ergeben sich enorme methodische Probleme bei der Datengewinnung. Denn wegen der doppelten funktionalen Nutzung des Schlafzimmers sowie seiner Bedeutungszuweisung als Ort der Intimität verbietet sich die in der empirischen Sozialforschung bewährte Methode der teilnehmenden Beobachtung. Auch die probaten Befragungstechniken vermitteln nur sehr oberflächliche Einblicke, weil die interviewten Subjekte über ihr Schlafzimmergeschehen nur das preisgeben, was sie für normativ erwünscht und/oder selbst für (gerade noch) mitteilenswert halten. Beides dürfte von der sozialen Wirklichkeit weit entfernt sein. Wie läßt sich diesem Manko begegnen?

Die Oldenburger Arbeitsgruppe "Kultur- und Kommunikationsforschung" ist in ihrer Studie über "Lebensstile und Schlafraumkultur" einen Weg gegangen, auf den sie von dem amerikanischen Environment-Künstler Claes Oldenburg gewiesen wurde. Im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main steht ein Werk dieses Künstlers, das den Titel "Schlafzimmer-Ensemble" trägt.

Dieses Environment besteht zwar aus den klassischen Objekten wie Bett, Nachttischchen, Frisierkommode, aber die Gegenstände wirken wie funktionslose, tote Objekte. Der Künstler, der selbst die bewußte Sterilität seines Modells mit der Kälte eines Grabes in Verbindung bringt, hat sich bei dieser ästhetischen Verdichtung amerikanischer Schlafraumkultur von Werbeprospekten inspirieren lassen. Diese Inspirationsquelle des Künstlers eröffnet dem Soziologen eine faszinierende Perspektive. Ist es möglich, die bildlich und textlich inszenierte Schlafraumwerbung in repräsentativen Wohnzeitschriften, Beilagen und Katalogen von Möbelhäusern als Spiegelbild alltagsästhetischer Wunschvorstellungen derjenigen zu analysieren, die Schlafzimmermöbel kaufen, Schlafzimmerräume gestalten und darin Zeiten ihres Tagesablaufs real verbringen? Die Antwort auf diese Frage kann positiv ausfallen, wenn man von zwei Voraussetzungen ausgeht. Erstens beschränkt sich eine solche Analyse von Schlafzimmerwerbung auf reine Botschaftsanalyse. Sie erkundet, wie das kodifizierte Wissen der Gesellschaft über Schlafraumkultur beschaffen ist, welche Geschmackskultur und welche Lebensstile als sozial vorbildlich und in diesem Sinne verbindlich gelten. Zweitens wird unterstellt, daß die Präsentation in den auflagestärksten Zeitschriften für Wohnkultur in ihrer zielgruppenspezifischen Ausrichtung mit den Bedürfnisdispositionen derjenigen korrespondieren, die solche Lifestyle-Blätter als Ratgeber für ihre eigene Lebenspraxis konsultieren: Was sie dadurch sehen und lesen, ist selbst wieder ihrem eigenen Alltag entlehnt und steuert ihn zugleich in eine Richtung, in die die Möbelproduzenten mit den Möbelkonsumenten gehen möchten.

Wie man sich bettet ...

Wie verschiedenen Werbeträger für Schlafraumkultur vermitteln keineswegs ein einheitliches Bild allgemein verbindlicher Einrichtungspraxis. Statt dessen werden Bilder im Plural präsentiert. Nachdem im Rahmen der Studie über Schlafraumkultur über 200 Text-Bild-Vorlagen überwiegend aus den stark verbreiteten Zeitschriften für Wohnkultur (z.B. 'Schöner Wohnen', 'Zu Hause', 'Architektur und Wohnen') mit einem ausgefeilten Interpretationsverfahren inhaltsanalytisch untersucht wurden, ergaben sich als ein erstes Analyseergebnis insgesamt zehn verschiedene Haupttypen von Schlafraumkultur: 1.: ökologisch orientierter Natürlichkeitstypus. 2.: erlebnisorientierter Spannungstypus. 3.: kreativ-avantgardistischer Typus. 4.: multifunktional-raumökonomischer Typus. 5.: klassisch-stilvoller Typus. 6.: modernistisch-antikonventioneller Typus. 7.: konventionell-neumodischer Typus. 8.: biederrustikaler Typus. 9.: neuromantischer Typus. 10.: exotisch-transkultureller Typus.

Trotz aller Heterogenität ist diesen Werbepräsentationen von Schlafraumkultur etwas gemeinsam: eine gegensätzliche Tendenz bzw. ein Spannungsverhältnis, das in unterschiedlichen Graden ausgeprägt ist. Auf der einen Seite halten die Inszenierungen an dem konventionellen Ensemble von Bett, Kleiderschrank und Nachttisch durchgängig fest, auch wenn in phantasievollen Formen neu kombiniert und variiert wird. Auf der anderen Seite dominiert in den Schlafraumpräsentationen der Versuch, diese Zwecksetzung als geschlossener Bereich der Regeneration und Sexualität durch neuartige Gestaltungselemente zu verflüssigen oder möglichst ganz aufzuheben. Überpointiert ließe sich sagen, die zeitgemäße Schlafraumkultur dient immer weniger den 'Basic-Needs' des Schlafens. Das könnte ein Zeichen dafür sein, daß sich in der Gegenwartsmoderne ein Bedeutungsschwund der regenerativen Zeitmomente abzeichnet. Das bloße Schlafen, schon immer im Verdacht, verlorene Zeit zu sein, wird marginalisiert. Mit dieser Entfunktionalisierung des Schlafzimmers als Ruhestätte geht ein weiteres auffälliges Merkmal Hand in Hand: Die Schlafraumkultur enthält so gut wie keinen Hinweis darauf, daß dieser Ort, insbesondere das Bett, Stätte erotischer Annäherung und sexueller Begegnungen ist. Die Zeichensprache der Schlafraumkultur scheint in den Werbebotschaften jenes Tabu zu respektieren, das in der bürgerlichen Gesellschaft schon immer auf der Sexualität gelastet hat.

Eine akribische Text- und Bildanalyse der aufgeführten zehn Haupttypen hat zu dem Befund geführt, daß die empirisch festgestellten Trends einer fortschreitenden Zweckentfremdung des Schlafzimmers als Refugium und einer Art Keuschheit der Symbolik des Interieurs in einer erstaunlichen Variationsbreite zum Ausdruck kommen. Dabei variiert natürlich auch die jeweilige Ausgeprägtheit dieses Trends. Am klarsten konnte er durch die Einzelfallanalyse des zweiten Prototyps, des "erlebnisorientierten Spannungstyps" nachgewiesen werden.

Der erlebnisorientierte Spannungstyp

Auffällig ist bei diesem Werbebeispiel aus dem Katalog der Einrichtungsfirma Hülsta, daß nicht die Gestaltung des Schlafraums im Vordergrund der Anzeige steht, sondern die Person bzw. das, was sie repräsentiert. Das breite Doppelbett steht nicht im Dienste des privaten Rückzugs, sondern wird zur Bühne der Person, die zur gleichen Zeit mit dem Lesen der Zeitung, mit Trinken und Telefonieren beschäftigt ist. Die Person gestaltet aktiv das knappe Gut Zeit. Sie ist ganz im Sinne der Leitmotive des Anzeigentextes als "modern-progressiver Erfolgsmensch" Herr ihrer Zeit, die aus der klassischen Trennung von produktiver Tageszeit und reproduktiver Nachtzeit heraustritt. Das abgebildete Interieur hält sich nicht an die klassische Trennung von Schlaf-, Arbeits- und Wohnraum. Vielmehr gehen Tag- und Nachtraum ineinander über. Dem entspricht es, daß der Blick des Mannes im blauen Bademantel auf dem schwarzen Bett aus der Gegebenheit des Raums hinausgeht, folglich die Gegenwartssituation überschreitet, auf Zukünftiges gerichtet ist. Ganz im Einklang damit steht die halb sitzende, halb liegende Haltung der Person. Es ist der Reisende in der Nacht, für den Helligkeit und Dunkelheit aufgehoben sind, eine Person, die sich nirgendwo verortet. Für diese ist der Schlafraum kein intimer Rückzugsraum, sondern ein vorübergehender Ort in der luftigen Höhe ihrer Penthousewohnung.

Kennzeichnend für diese und viele weitere Präsentationsweisen von Schlafraumkultur ist die völlige Ablehnung der für bürgerliche Lebensweise bestimmenden Trennung von Wohnraum und Schlafraum. So stellt eine andere, vom Bettenhaus Rid überregional verbreitete Anzeige für zeitgemäßen Schlafstil unter der Überschrift "Im Bett ist alles erlaubt" den jungen Erfolgstyp im Lotterbett mit seinem Laptop dar, der Objekt all seiner sinnlichen Spielleidenschaft ist.

Im Bett ist alles erlaubt

Hier ist das Bett kein Zeichen von Intimität, sondern von zeitgemäßer Lebensführung, wie sie von progressiven Singlehaushalten praktiziert wird. Privatsphäre und öffentliche Sphäre sind eins. Außenorientierung geht vor Innenorientierung. Die Selbstverwirklichung steht ganz im Dienste einer Selbststilisierung. Damit geht einher, daß der integrierte Wohn-Schlafraum nicht mehr primär einen Status repräsentiert, vielmehr symbolisiert er die Art und Weise einer mobilen und modisch kompatiblen Lebensstilpraxis. Bei dem erlebnisorientierten Spannungstyp dient die Schlafraumkultur multifunktionalen Zwecken, und sie demonstriert zugleich und vor allem einen Lebensstil. Für diesen ist permanente Mobilität ausschlaggebend. Dazu paßt, daß alle im Bild dargestellten Raumelemente sich leicht umgruppieren und zu einem Arrangement zusammenstellen lassen. Es handelt sich um ein fast improvisiertes Wohnambiente, dem sich das Bett unauffällig einfügt. Alle Raumgestaltungselemente konvergieren dahingehend, daß die Wohn-Schlafraumgestaltung den neuen kulturellen Wert der Offenheit, des Indiskreten ästhetisiert. Ähnliches läßt sich für den modernistisch-antikonventionellen Typus sagen.

 Zeitungswerbung<br>für Schlafzimmer:<br> "Im Bett ist alles erlaubt" Schlafzimmer heute und gestern Zeitungswerbung
für Schlafzimmer:
"Im Bett ist alles erlaubt"

Die als Prototyp ausgewählte Werbeanzeige der Firma "Magazine" bildet, ohne Bezug auf einen Schlafraum und unter der Überschrift "Relax tonight", einzelne Objekte collageartig in einer Fotomontage ab, wie beispielsweise farbige Aktenordner, Wecker, Halogentischlampe, Edelstahl-Kastenbett, Schreibtischsessel, Schiebetürschrank. Angesichts der Enträumlichung des dargeboten Mobiliars dienen diese Objekte als beliebig arrangierbare und vielseitig verwendbare Raumausstattungselemente, die keiner spezifischen Raumgrammatik, etwa der eines Wohnzimmers oder eines Schlafzimmers, folgen. Der von den knappen Text- und Bildbotschaften suggerierte Stil ist der der postmodernen Stillosigkeit, die sich wiederum als neuer Stil des antikonventionellen Einrichtens versteht. Dieser Wohnstil hält zu allen Häuslichkeitsmustern bewußt Distanz und ist auch nicht primär auf Wohnen und Schlafen bezogen. Er beschränkt sich vielmehr darauf zu 'relaxen', wie es im Idiom der Jugendkultur heißt. Angesichts der semantischen Kargheit im Hinblick auf Intimität ist dieses Werbebeispiel kaum als Schlafraumpräsentation zu identifizieren. Alles, was sich in den eigenen vier Wänden als subjektiv gestaltete Inschrift widerspiegeln könnte, ist zugunsten von Minimalfunktionen des Nächtigens ausgeschlossen.

Schlafraumkultur als Ausdruck von Lebensführungsansprüchen

Versucht man in einer Vergleichsperspektive aus dem analysierten Gesamtmaterial aller zehn Prototypen die zentralen Charakteristika herauszudestillieren, so zeigt sich hinsichtlich der Symbolisierung von Intimität, daß die Gestaltung der Schlafräume als elterliche Tabuzone an Bedeutung ganz eindeutig verloren hat. Vielmehr fungiert die Schlafraumkultur als Medium für die offensive Demonstration eines Lebensstilmusters. Die kulturelle Sprache des Schlafraums präsentiert sich so, daß minimale Intimitätsansprüche ununterscheidbar zusammenfließen mit lebensstil-orientierten Ansprüchen milieuspezifischen Wohnens, des Arbeitens, des Sichdarstellens entlang einer Lebenspraxis, in der sich ein Rest von Privatheit mit Präsentationswünschen vermischt. Kein Wunder, daß ein Anzeigentext mit dem Motto wirbt: "Laut Umfrage wollen 85 % der Bevölkerung mehr Abwechslung im Schlafzimmer". Und in einem anderen Werbetext der Firma "Team sieben. Natürlich wohnen" heißt es: "Unsere Gesellschaft hat gelernt, sich selbst mit Statussymbolen zu dokumentieren. Äußerlichkeiten erlangen eine überproportionale Wichtigkeit und sind Teil des modernen Lebensstils." Die Abwechslung im Schlafzimmer schlägt sich nicht zuletzt auch darin nieder, daß häufig um das im Hintergrund verschwindende Bett Telefon, Fernseher, Fax-Gerät und Computeranlage gruppiert sind. Was vormals eindeutig dem Wohnzimmer zukam, nämlich Statussymbole durch das Interieur zu dokumentieren, geht in einem immer stärkeren Maße in die Präsentationsformen des Schlafzimmers ein. Damit hat sich die alltägliche Nutzung des Schlafraums, zumindest auf der Ebene der medial vermittelten Konsumbilder, deutlich ausgeweitet: Arbeits- und Freizeitaktivitäten werden ins Schlafzimmer verlagert, es wird signifikant zum zusätzlichen Wohnbereich. Parallel zu dieser Verwohnlichung des Schlafzimmers ist die Schlafraumkultur Ausdrucksform der spezifischen Art und Weise individuell gemeinter Lebensführungsansprüche. Die Symbolik des Schlafraumensembles dient dazu, mittels Stilisierungsformen die Zugehörigkeit zu bestimmten milieu- und gruppenspezifischen Wertkontexten manifest zu machen. "Sag mir, wie Du wohnst, ich sage Dir, wer Du bist", dieser Anspruch auf Distinktion wird erstmals auch für die Einrichtung des Schlafzimmers zur Geltung gebracht. Das Styling der Schlafraumkultur ist ein Zeichen für die um sich greifende Ästhetisierung des Alltagslebens. Damit verliert dieser Raum seine ursprüngliche regenerative Funktionszuweisung und wohnkulturelle Bedeutungszuschreibung als Refugium hinter der Kulisse des gesellschaftlichen Lebens zugunsten von Selbstinszenierungswünschen, die kulturell geprägte Lebensstile und Geschmackspräferenzen zum Ausdruck bringen.

Die Autoren

Die Autoren

Prof. Dr. Müller-Doohm (rechts), Soziologe mit dem Schwerpunkt Interaktions- und Kommunikationstheorie am Institut für Soziologie, erhielt 1974 den Ruf an die Universität Oldenburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind derzeit Gesell-schaftstheorie, Kultur- und Medienforschung. Dr. Thomas Jung ist ebenfalls Soziologe an der Universität und Lehrbeauftragter sowie Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Kultur- und Kommunikationsforschung.