EINBLICKE NR.23 APRIL 1996
 
FORSCHUNGSMAGAZIN DER CARL VON OSSIETZKY UNIVERSITÄT OLDENBURG
 

Lebensgeschichtliche Chancen durch berufliche Rehabilitation?

Gerd Vonderach, Vera Herrmann und Eileen Beyer

Die berufliche Rehabilitation ist Teil eines differenzierten sozialpolitischen Systems von Hilfen für körperlich, geistig oder seelisch behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen. In einer empirischen Untersuchung in Berufsförderungswerken wurden bemerkenswerte Unterschiede in der individuellen lebensgeschichtlichen Bedeutsamkeit der beruflichen Neuausbildung herausgefunden, die dort zum Zwecke der beruflichen Wiedereingliederung durchgeführt wird.

Der Anspruch auf eine berufliche Rehabilitation im Falle einer Behinderung oder einer drohenden Behinderung als Folge einer Erkrankung oder eines Unfalls kann als eine besondere Errungenschaft des Sozialstaates in der Bundesrepublik Deutschland bewertet werden. Häufigster Träger, das heißt Bewilliger und Finanzierer von Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation, ist die Bundesanstalt für Arbeit, gefolgt von den Rentenversicherungen und den Unfallversicherungen. Im Mittelpunkt beruflicher Rehabilitation stehen berufsfördernde Bildungsmaßnahmen zur Ermöglichung der beruflichen Ersteingliederung oder zur Ermöglichung der beruflichen Wiedereingliederung von Personen, die bereits erwerbstätig waren oder sind. Dem ersten Zweck dienen Berufsbildungswerke, dem zweiten Zweck dient in besonderer Weise ein Netz von Berufsförderungswerken, das vor allem in den 70er Jahren in Westdeutschland ausgebaut und seit 1990 auch auf die neuen Bundesländer ausgedehnt wurde. In Niedersachsen gibt es die Berufsförderungswerke Weser-Ems (Bookholzberg), Bad Pyrmont und Goslar, in Bremen das Bfw Bremen-Lesum (Friedehorst).

Der Altersdurchschnitt der Teilnehmer, von denen etwa ein Viertel Frauen sind, liegt bei knapp dreißig Jahren. Die meisten sind Facharbeiter mit Hauptschulabschluß, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Die häufigsten Behinderungsarten sind Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates. Zunehmend ist der Anteil von psychischen Störungen und von Hautkrankheiten, insbesondere Allergien.

Wir haben in einem vom Land Niedersachsen geförderten Forschungsvorhaben die lebensgeschichtliche Bedeutung der beruflichen Neuausbildung in Berufsförderungswerken untersucht. Zu diesem Zweck wurden mit mehr als 30 männlichen und weiblichen Rehabilitanden in den Berufsförderungswerken Bookholzberg und Bad Pyrmont offene biographische Gespräche geführt. Die Auswertung der Gespräche führte zur Erarbeitung von Fallgeschichten und fallübergreifenden Fallreihen, die bemerkenswerte Unterschiede in der subjektiven Wahrnehmung der lebensgeschichtlichen Bedeutsamkeit der beruflichen Neuausbildung erkennen ließen. Wir konnten verschiedene Fallreihen mit jeweils typischen Mustern der Zielorientierung feststellen, welche die Rehabilitanden mit ihrer neuen Berufsausbildung vorrangig verfolgten.

Wiederherstellung einer Berufsnormalität

In der Sicht dieser Rehabilitanden, die etwa ein Viertel unserer Gesprächspartner ausmachten, ist der Abbruch ihrer bisherigen erwerbs- und berufsbiographischen Normalität der Grund für ihre berufliche Neuausbildung. Ihre Behinderung entstand oft aus einem abrupt eingetretenen Widerfahrnis, das ihr bisheriges Leben entscheidend veränderte, durch einen schweren Arbeits- oder Verkehrsunfall etwa oder z.B. durch einen Herzinfarkt. In anderen Fällen sind es chronische und progressive Erkrankungen oder Verschleißprozesse, mitunter auch Allergien, die einen Verbleib im bisherigen Berufsfeld nicht mehr erlauben. Gemeinsam ist diesen Umschülern, die am ehesten dem sozialpolitischen Leitbild der beruflichen Rehabilitation entsprechen, die Zielorientierung, in Zukunft wieder eine ihren früheren Lebensumständen gleichwertige berufliche Normalität und Kontinuität zu realisieren. Zu diesem Zweck akzeptieren sie notgedrungen eine berufliche Umschulung und zeigen sich dankbar für die im Berufsförderungswerk erfahrene Unterstützung.

Die Mehrzahl dieser Rehabilitanden sind frühere Facharbeiter, für die eine qualifizierte Berufsarbeit der Absicherung des eigenen oder familiären Lebensunterhalts dient und zugleich eine arbeitsinhaltliche und berufliche Identifikation sowie eine zufriedenstellende soziale Plazierung ermöglichen soll.

Eine andere Gruppe bilden männliche Rehabilitanden, die vor ihrer Behinderung ohne Berufsausbildung eine körperlich anstrengende Anlerntätigkeit ausübten. Sie wagen nun das Experiment einer Berufsausbildung; ihrer familiären Ernährerrolle würden sie notfalls aber auch als Frührentner oder mit beruflich unqualifizierter Arbeit nachkommen.

Beruflicher Wiedereinstieg und Aufstieg

Für eine andere Fallreihe entstand aus der Notwendigkeit des Berufswechsels, die sich aus ihrer Behinderung ergab, zugleich die unverhoffte Chance einer Berufskarriere durch berufliche Fortbildung in ihrem bisherigen Tätigkeitsfeld. In unserer Untersuchung handelt es sich um frühere Maurer, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in ihrem Beruf verbleiben konnten und daraufhin die Möglichkeit einer Ausbildung zum Bautechniker ergriffen. Die ungewohnte Lernsituation beinhaltete für sie eine gesteigerte Anstrengung und Bewältigungsleistung, auch hinsichtlich des Arrangements mit dem Familienleben angesichts der umfangreichen Hausaufgaben. Das erreichbar erscheinende Ziel einer verbesserten beruflich-sozialen Plazierung und anspruchsvollen Berufsaufgabe setzte die dafür erforderlichen Motivationskräfte frei.

Hoffnung auf Stabilisierung

Mit psychosomatischen Erkrankungen, psychischen Beeinträchtigungen oder Suchtproblemen, vor allem Alkoholismus, waren manche Rehabilitanden in früheren Lebensphasen oder unmittelbar vor und auch während der beruflichen Neuausbildung konfrontiert. Nur bei einigen war indessen die psychische Behinderung der offizielle Grund für die Bewilligung der beruflichen Rehabilitation. Die interviewten Rehabilitanden, für die letzteres zutrifft, hatten über längere Zeiträume mit psychischen Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen zu tun. Deren Folgen waren der Abbruch beruflicher Ausbildungen und Tätigkeiten, psychotherapeutische Behandlungen und der Aufenthalt in psychiatrischen Kliniken. Eine berufliche Kontinuität und Stabilität konnte hier nicht entstehen; die solcherart entstandene berufliche Dequalifizierung und Perspektivlosigkeit verstärkte wiederum die psychische Beeinträchtigung.

Mit der beruflichen Umschulung versuchen diese Rehabilitanden, einen für sie geeigneten Beruf zu wählen, in dem sie eine Normalbiographie zu realisieren hoffen. Zu ihrem Bewältigungskonzept gehört eine qualifizierte Berufsarbeit, die Selbstbewußtsein und materielle Selbständigkeit ermöglicht. Solche Rehabilitanden bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit und Hilfestellung während ihres Aufenthalts im Berufsförderungswerk und beim anschließenden Versuch der beruflichen Wiedereingliederung.

Chance eines Neuanfangs

Bei gut einem Drittel unserer Gesprächspartner war es primär die Unzufriedenheit mit der bisherigen beruflichen oder lebensge-schichtlichen Entwicklung, die sie dazu führte, eine neue Berufsausbildung anzustreben. Ihre körperliche Behinderung oder gesundheitliche Beeinträchtigung bot ihnen dabei den willkommenen Anlaß, um über die Bewilligung einer beruflichen Rehabilitation zum gewünschten neuen Berufsanfang zu gelangen.

In der Mehrzahl war es ihre bisherige Berufsentwicklung, die diese Rehabilitanden zu korrigieren suchten. Sie hatten zwar einen Beruf erlernt, übten ihn aber seit längerer Zeit wegen mangelnder Berufsneigung oder schlechter Beschäftigungschancen nicht mehr aus, sondern verrichteten wechselnde Anlerntätigkeiten, die zum Teil in die Arbeitslosigkeit mündeten. Dieser Erwerbssituation, die sie als Berufsverfehlung begriffen, versuchten sie, über eine berufliche Neuqualifizierung zu entkommen. In der Umschulung gelangten diese Rehabilitanden zu einer Identifikation mit dem gewählten neuen Be ruf, die sich naturgemäß festigte, wenn anschließend der berufliche Einstieg gelang.

Bei einem anderen Teil von Rehabilitanden kann man von der subjektiven Wahrnehmung einer umfassenderen Fehlentwicklung ihres Lebenslauf über einen längeren Zeitraum sprechen. Eine an den mißlungenen Berufsanfang anschließende instabile und perspektivlose Lebensphase, die im Einzelfall zwischen zwei und mehr als zwanzig Jahre währte, war geprägt von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Jobben, Sozialhilfebezug, Milieumarginalisierung und Vereinzelung. Von einem neuen Beruf erhoffen sich diese Rehabilitanden autonome Lebenssicherung, eine bessere soziale Plazierung und berufliche Identifikationsmöglichkeit.

Alleinerziehende Frauen: ein neuer Lebensabschnitt als Berufstätige

Bei dieser Fallreihe, die spezifische weibliche Lebensgeschichten repräsentiert, handelt es sich um Frauen, die früh geheiratet haben und wegen ihrer Kinder ihre Berufstätigkeit aufgaben. Die gewünschte Familiennormalität gelang ihnen jedoch nicht, da die Ehen scheiterten. Dies versetzte die Frauen als Alleinerziehende in eine prekäre Situation, die von ihnen nur durch eine kompetent gehandhabte Armutsökonomie bewältigt werden konnte. Unzureichende Unterhaltszahlungen machten die Aufnahme von Teilzeitarbeiten erforderlich, soweit dies die Kinderbetreuung zuließ. Gesundheitliche Schäden führten aber zur Aufgabe der Erwerbsarbeit und zur Sozialhilfeabhängigkeit. Sie dienten indessen zugleich als Anspruchsgrundlage für eine neue Berufsausbildung als Rehabilitationsmaßnahme, die von den Frauen beantragt wurde, als mit dem Erwachsenwerden ihrer Kinder eine Entlastung von ihren Familienaufgaben möglich wurde. Die von ihnen gewollte biographische Öffnung verbindet sich mit Flexibilitäts- und Lernbereitschaft. Vom Berufseinstieg erhoffen sie sich einen neuen Lebensabschnitt materieller Verbesserung, sozialer Anerkennung und beruflicher Sinnerfüllung.

Individualisierungssuche: Selbstfindung im Beruf?

Für einen Teil insbesondere der jüngeren Rehabilitanden mit weiterführender Schulbildung gilt, daß ihre lebensgeschichtlich-berufliche Ausrichtung vorrangig von der Suche nach berufsinhaltlichen Individualisierungsmöglichkeiten oder von der Realisierung einer bereits vollzogenen Neuorientierung bestimmt wird, von der sie eine berufliche Sinnerfüllung erwarten. Damit scheint die Herstellung berufsbiographischer Kontinuität schwer vereinbar zu sein, ebensowenig die aktuelle Absicht einer Familiengründung.

Die Bedeutsamkeit einer berufsinhaltlichen Individualisierung tritt individuell in unterschiedlichen Lebensphasen in den Vordergrund: als Motivation zur Umschulung, als Bildungsprozeß während der Umschulung oder als Folge beruflicher Diskontinuität erst Jahre nach der Umschulung. Zum Zeitpunkt unserer Gespräche betrieb ein Teil dieser Rehabilitanden seine Umschulung und den beruflichen Neuanfang aus der Motivation heraus, eine bereits gefundene berufsbiographische Neuorientierung zu realisieren. Ein anderer Teil der Rehabilitanden schwankte dagegen während und/oder nach der Umschulung zwischen einer materielle Absicherung versprechenden berufsbiographischen Anpassung an das jeweils Gegebene und der weiteren Suche nach Möglichkeiten der berufsinhaltlichen Sinnerfüllung.

Die erstaunliche Vielfalt in der lebensgeschichtlichen Zielorientierung einer beruflichen Neuausbildung sollte in der Ausbildungs- und Betreuungspraxis der Berufsförderungswerke und zuvor bei der Einleitung des Rehabilitationsverfahrens und der Beratung der Betroffenen seitens der Rehabilitationsträger berücksichtigt werden. Dies betrifft insbesondere die Frage der richtigen Berufsfindung, das Erfordernis gezielter Hilfsangebote und die Entscheidung über die im Einzelfall zweckmäßige Ausbildungsstätte.

Die AutorInnen

Prof. Dr. Gerd Vonderach (54), Arbeitssoziolo-ge am Institut für Soziologie, wurde 1974 an die Universität Oldenburg berufen. Er war nach dem Studium der Sozialwissenschaften zunächst als wissenschaftlicher Assistent an der Pädagogischen Hochschule Oldenburg tätig und erhielt 1972 eine Berufung an die Universität Bremen. Von dort kehrte er nach Oldenburg zurück. Seine Forschungsschwerpunkte: Arbeits- und Berufssoziologie, Land- und Agrarsoziologie, Geschichte der Arbeitsmarktpolitik, Biographieforschung. - Dr. Vera Herrmann (34) war nach ihrem sozialwissenschaftlichen Studium und der Promotion in Oldenburg zunächst bei der Forschungsgesellschaft für Agrarpolitik und Agrarsoziologie in Bonn tätig. 1994 wechselte sie in das Projekt "Lebensgeschichte und berufliche Rehabilitation". Forschungsaufenthalte an den Universitäten Aberdeen und Basel. - Eileen Beyer (28), Magisterstudium mit den Fächern Anglistik, Soziologie und Germanistik, war als wissenschaftliche Hilfskraft an dem Projekt beteiligt.

 

Fallreihenbildung

unterschiedlicher lebensgeschichtlicher Bedeutsamkeit der beruflichen Umschulung von Rehabilitanden

A. Das Widerfahrnis einer Behinderung als vorrangige subjektive Ursache der neuen Berufsausbildung

Unterschiedliche Muster der Zielorientierung:
1. Angestrebte Wiederherstellung berufsbiographischer Kontinuität
2. Angestrebte Wiederherstellung erwerbsbiographischer Kontinuität
3. Chance beruflich-sozialen Aufstiegs bei der Wiederherstellung berufsbiographischer Kontinuität
4. Bemühen um lebensgeschichtliche und berufsbiographische Stabilisierung trotz Disposition zur psychischen Beeinträchtigung

B. Die Erfahrung nicht gelungener berufsbiographischer Plazierung und Kontinuität als vorrangige subjektive Ursache der neuen Berufsausbildung

Unterschiedliche Muster der Zielorientierung:
5. Angestrebte Verbesserung der berufsbiographischen Plazierung und Kontinuität
6. Versuch beruflich/biographischen Neubeginns nach einer lebensgeschichtlichen Fehlentwicklung
7. Versuch beruflich/biographischen Neubeginns nichtberufstätiger Alleinerziehender nach langandauernder Armutsökonomie
8. Angestrebte Realisierung berufsbiographischer Individualisierung und Neuorientierung
9. Unabgeschlossenes Schwanken zwischen berufsbiographischer Anpassung und der Suche nach beruflichen Individualisierungsmöglichkeiten