Graduiertenschule 3GO

Öffentliche Vorträge im Rahmen der Oldenburg School 2017

Solidarität als Fernstenliebe
Dr. Serhat Karakayali (Berlin): 19.09.2017, 
18:00 Uhr, Schlaues Haus

Die Bildung des freien Subjekts‘ oder ‚Die Überwindung der Todesangst‘
Prof. Dr. Paul Cobben (Amsterdam), 
25.09. – 10.15 Uhr, Uhr Schlaues Haus

(Ge-)Wichtige Bilder oder: Audio-visuelle Produktion von Fettleibigkeit
Prof. Dr. Beate Ochsner (Konstanz), 
25.09. – 11.00 Uhr, Uhr Schlaues Haus 

Bleibt uns nur noch zu schweigen? Sprachphänomenologische Überlegungen zu einer Signetik angesichts der nachmetaphysischen Welt
Dr. Marcus Held (Mainz), 
26.09. – 18.15 Uhr Schlaues Haus 

Die Konzeption von Normativität bei Habermas  
Prof. em. Dr. Stefan Müller-Doohm (Oldenburg, 
28.09.2017, 18 Uhr, Schlaues Haus

Taming the Elephant – Some Arguments against the Power of Emotions in Moral Thought
Prof. Dr. Philipp Hübl (Stuttgart), 
29.09.2017, 15.00 Uhr Senatssitzungssaal 

"Solidarität als Fernstenliebe"

Dr. Serhat Karakayali (Berlin)

Im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise haben hunderttausende Bewohner_innen Deutschlands begonnen, sich für Geflüchtete zu engagieren. Ihnen wurde oft vorgeworfen, sich von falschen Gefühlen der Empathie leiten zu lassen. Gefühle oder gar Affekte haben nicht erst im politischen Diskurs der Moderne einen schlechten Ruf.  Weniger Gefühle zu haben, als vielmehr sich von ihnen leiten zu lassen gilt als irrational und ist bekanntlich entsprechend geschlechtsspezifisch kodiert. Denken ohne Affekte aber kann es nicht geben. Diese zentrale Einsicht der Affekttheorie dient als Ausgangspunkt, um darüber nachzudenken, in welchem Verhältnis Denken und Affekte mit sozialen Beziehungen stehen. Damit ist zugleich eine der zentralen Fragen des soziologischen Denken und der politischen Theorie verbunden, die Frage danach, was uns verbindet, sowohl in nächster Nähe, als auch in großer Entfernung. Der Vortrag dreht sich um die Frage, auf welchen Grundlagen Solidarität beruht, wenn sie sich nur auf kleine, überschaubare Gruppen oder Gemeinschaften bezieht und wie diese in einer Migrationsgesellschaft aussehen muss. 

Der Vortrag ist Teil der Masterclass "Grenze, Migration, Kritik" des Promotionsprogramms MiGG.

"(Ge-)Wichtige Bilder oder: Audiovisuelle Produktion von Fettleibigkeit."

Prof. Dr. Beate Ochsner (Konstanz)

Im 1972 veröffentlichten Film Volksmund oder: man ist, was man isst des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof beschreibt der österreichische Experimentalfilmer und Künstler Peter Kubelka die grundlegende Beziehung zwischen Mensch und Essen in den folgenden Worten: 

»Das Essen ist die folgenschwerste Beziehungnahme mit der Umwelt. Also, wenn man das vergleicht mit dem Schauen oder dem Hören …, aber das mit dem Essen ist ja, dass man gewissermaßen dauernd durchflutet ist von seiner Umwelt, und dass man einen Teil seiner Umwelt in sich aufnimmt. […] wie Meerestiere, niedrigere, die mit offenem Mund daliegen und sich alles hineinfächeln …« 

Auf Basis exemplarischer szientifischer wie auch populärer Audiovisualisierungen sowie ihrer Verschränkungen mit zeitgenössischen Politiken der Sag- und Sichtbarkeiten versucht der Vortrag, den von Kubelka beschriebenen ‚schweren Folgen‘ dieser komplexen Ökologie auf die Spur zu kommen. Als der Ordnung des Sichtbaren zugehörig, lässt sich der fette Körper nicht einfach in die Ordnung des Sagbaren übersetzen, ist dem Diskurs aber zugleich weder vorgängig noch äußerlich, sondern (ko-)konstituiert diesen bzw. das Handlungsfeld Fettleibigkeit/Fatness ebenso mit, wie er von ihm verfertigt wird. So verstehen wir audiovisuell produziertes Fett-Sein als Sichtbarmachung, die stets mit Normalisierungsprozessen einhergeht und auf diese Weise ein historisch-spezifisches Feld von Sichtbarkeiten erzeugt, das in und durch spezifische/n Visualisierungtechnologien, -prak­tiken und -umgebungen wie Film, Fotografie und soziale Medien „imagineered“ (Tom Holert: Bildfähigkeiten) wird.

Der Vortrag ist Teil der Veranstaltung "Fit & Fat. Explorationen zu körperlicher Selbstdarstellung in Bild und Zahl aus medienwissenschaftlicher und soziologischer Perspektive" des DFG-GRK "Selbst-Bildungen".

"Bleibt uns nur noch zu schweigen? Sprachphänomenologische Überlegungen zu einer Sigetik angesichts der nachmetaphysischen Welt

Dr. Marcus Held (Mainz)

Die Signatur eines jeden metaphysisches Denken stützt sich auf eine vorgegebene einheitsstiftende Ordnung. Identitätsdenken, Ideenlehre und Hochschätzung der theoretischen Lebensform sind die wichtigsten Kennzeichen einer metaphysischen Denkhaltung – so Jürgen Habermas Befund. Was aber bleibt der „nachmetaphysischen“ Annäherung übrig, wenn wir von Gott reden wollen. Wie kann das Denken jeglicher einheitsstiftenden Dynamik entgehen, ohne dabei das Identitätsdenken, die Ideenlehre und die Hochschätzung der theoretischen Lebensform zu propagieren?

Das nachmetaphysische Denken der Welt hilft uns jenen Anspruch zu verwirklichen den Jacques Derrida mit dem Diktum des „Wie nicht sprechen“ belegt hat. Doch wird zu zeigen sein, dass dieses Diktum weit mehr Sprachräume eröffnet. Das „Wie nicht sprechen“ weist auf eine Schweigelehre hin, die sich an der Zeichenhaftigkeit des Wortes orientiert. Das Wort als designierendes Zeichen ist zum einen Gestalt und Bild, aber zugleich auch designiertes Zeichen, das sich auf die außer-sprachlichen Dinge und Phänomene beziehen kann, auf die man zeigen und die man demonstrieren kann, ohne jedoch grundlegend ein Identitätsdenken, eine Ideenlehre oder eine damit verbundene theoretische Lebensform annehmen zu müssen. 

Eine sprachphänomenologische Schweigelehre weitet das Designatum in seiner Bedeutung und dem Sinn. Sie ermöglicht das von Habermas im metaphysischen Denken erahnte ontologische Simulakrum in eine Hermeneutik der Negativität zu wenden. Es wird eine Schweigerlehre zu entwerfen sein, indem das prozedurale Moment des Schweigens sich in dem außersprachlichen Bezeichnetem hingibt. Die Schweigelehre ist dann als das Vollzugsmoment des Sprachlichen zu verstehen. Das im Schweigen Entstehen der Bedeutungsweite durch die Erfahrung von Negativität Bedingte ist die Verschiebung von Vertrautheitsebenen. In der zu entwerfenden Schweigelehre ereignet sich durch die Weite eine Prägnanz eine entgegentretende Transzendenz in Gestalt der Hinweisung und Zuwendung, die der Metaphysik der Gegenwart entgegenläuft. Sie macht es in ihrem beredeten Schweigen die Substitute des Absoluten zu enthüllen und der Dekonstruktion des Sprachlichem zugänglich zu machen. Sie folgt damit der Empfehlung von Ludwig Wittgenstein die Götter zu zerstören und keinen neuen – etwas in der anwesenden Abwesenheit eines Götzen – zu schaffen.

Die zu entwerfende Schweigelehre macht deutlich, dass Theologie und Philosophie hier selbst zur Praxis werden, da sie zu dem neuen Selbst- und Weltverhältnis über eine Umwendung des Sprachlichen führen müssen. Wobei nur die Theologie es vermag die Metaphysik in ihren philosophischen Ansprüchen einer einheitsstiftenden Ordnung von Identitätsdenken, Ideenlehre und Hochschätzung der theoretischen Lebensform zu überwinden.

 

Dr. Marcus Held, wiss. Mitarbeiter an der JGU Mainz. Vormals Kollegiat am GK "Selbst-Bildungen". Er promovierte 2016 mit der Arbeit "Gabe der Analogie. Phänomenologische Erkundungen zu einer theologischen Denkform" in Mainz. Das Habilitationsprojekt untersucht die Interdependenzstrukturen von Ethik und Gesellschaft im Anschluss an die Heuristiken von Cornelius Castoriadis und Pierre Legendre.   

Der Vortrag wird realisiert im Rahmen der Veranstaltung: Wenn Gott mitspielt. Gott als Akteur in den Äußerungen der Anderen (26. September 2017)

Weitere Informationen zu der Summer School des DFG-Graduiertenkollegs "Selbst-Bildungen" finden Sie unter: uol.de/r/2te-gk-summerschool

"Taming the Elephant. Some Arguments against the Power of Emotions in Moral Thought"

Prof. Dr. Philipp Hübl (Stuttgart)

Some theories in moral psychology contest the Kantian view that normative beliefs are grounded in rational principles. For instance, Haidt (2012, Haidt/Graham 2012) and other proponents of Moral Foundation Theory put forth a dual processing account in claiming that our moral beliefs stem from our emotional dispositions, whereas normative justifications are mere rationalizations. Similarly, Prinz (2006/2007/2008) defends metaphysical and epistemic Emotionism, the view that moral properties and moral concepts are essentially related to emotions.

In my talk, I will challenge both views mainly on empirical grounds. For one thing, Haidt cannot explain moral progress. If rational deliberation never played a role for our moral beliefs, we would still follow the code of our forefathers. Second, Haidt’s view is at odds with research on self-control, or more broadly with mental autonomy (Mele 1995). Not only do we have the ability, but often enough also good reasons to override our first intuition (e.g. Skitka 2002). Third, Haidt’s nonpartisan view on liberal and conservative norms ignores the fact that moral philosophy has favored the liberal principles “fairness”, “care” and “freedom”, since they are symmetric and thus allow for universalization. However, conservative principles like “authority” (roughly: “someone is higher than others”), “loyalty” (roughly: “some groups are more important than others”) and “sanctity” (roughly: “unnatural deeds are bad”) are not symmetric and thus not universalizable.

In the same vein, Prinz (2008) argues that moral dilemmas pit one emotion against another. Again, this view cannot deal with a reflective stance towards our own emotions, for instance when we judge our shame to be inappropriate or our moral anger to be excessive. Besides, we can consider political norms such as taxes valuable with regards to our long-term interests, even if our momentary emotions seem to give us strong reasons to condemn them. More generally, it is hard to see how emotions can track propositions that constitute our normative discourse. Finally, while positive emotions may be caused by supererogatory acts, they are not good candidates for the bases of judgments about morally right actions, as Prinz would have it, since those default cases rarely receive praise.

The upshot is that both, Haidt’s version of Moral Foundation Theory and Prinz’ Emotionism, underestimate the role of System 2 cognition (Kahneman 2011) in moral thought, or more broadly, of reason.

The lecture is part of the Summer School "Empirical Research and Normative Theory".