Wissen und Organisation

In dieser Säule steht die Ereignis- und Prozessperspektive im Vordergrund. Strukturen werden von ihrer Reproduk­tion und Transformation in lokalen Ereignissen her analysiert. Dabei zeigt sich, dass Inklusions- und Exklusionsprozesse nicht ohne einander zu denken sind. Jede Inklusion von Akteuren mit bestimmten Identitäten (etwa alle geschäftsfähigen und mündigen Bürger) in einen gesellschaftlichen Bereich (Markt, politische Arena) beinhaltet notwendigerweise den Ausschluss derjenigen, die nicht als mündig bzw. geschäftsfähig anerkannt werden, weil sie sich nicht in angemessener Weise zu einem rational agierenden Subjekt gemacht haben. Inklusions-/Exklusionsordnungen moderner Gesellschaften sind mehrstufig strukturiert. Basale Formen von Inklusion/Exklusion scheinen primär an den Nationalstaat gebunden zu sein: Anerkennung als Bürger mit Bürgerrechten, als recht­liches Vertragssubjekt usw. Es zeigt sich aber zunehmend, dass soziale Teilhabe an nationalstaat­lichen Grenzen nicht halt macht. Die Teilhabe an Vergesellschaftung ist in verschiedenen Bereichen (z.B. Politik, Wirtschaft aber auch intimer quasi-familialer Reproduktion) zumindest auch als trans­nationale Teilhabe zu realisieren. Soziale Teilhabe findet in transnationalen Räumen statt und fordert den Individuen ein hohes Maß an Selbststeuerung ab. Individuen müssen sich zu einem unternehmerischen Selbst bilden, das als Subjekt für sich selbst verantwortlich ist, an­dernfalls riskieren sie den Ausschluss aus Vergesellschaftungsprozessen.

Die Analyse von Selbst- und Subjektbildungen in Inklusions-/Exklusionsprozessen in transnationalen Räumen führt die politikwissenschaftliche Frage nach der Bedeutung von Staatlichkeit für Demokratisierung und Teilhabe mit der soziologischen Frage nach den lokalen Ereignissen von Inklusion/Exklusion mit Blick auf Struktur- und raum-zeitliche Ordnungsbildung zusammen.

Perspektive der grundlagentheoretisch orientierten empirischen Forschung: Inklusion heißt auf einer grundlegenden Ebene als ein Mensch mit gleicher Würde und gleichen Rechten anerkannt zu werden. Seit der Formulierung dieses Konzepts durch Kant war umstritten, welche Wesen als mit Würde aus­gestattet anzuerkennen seien. Das Forschungsprogramm der Analyse gesellschaftlicher Grenzregime stellt diese Grenzziehung in den Mittelpunkt und greift damit eine zen­trale normative Institution transnationaler Vergesellschaftung auf, denn diese hat sich aus einem ein­heitlichen Inklusionskriterium heraus entwickelt. Alle lebenden Menschen aber auch nur diese sollen soziale Personen sein. Kommunikationen können daher weltweit an alle Menschen adressiert werden. Mit Bezug auf transnationale Zugehörigkeitsordnungen stehen die folgenden Fragen im Vordergrund: Wie ist Vergesellschaftung zu begreifen, wenn nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, wer als menschliche soziale Person anzuerkennen ist? Welche Bedeutung hat die Erosion des Nationalstaates für die grundlegende Form der Anerkennung als Person? Wie ist sozialtheoretisch die Einbeziehung von Raum und Zeit in die Analyse von Ordnungsbildung zu denken? Zu den empirischen Feldern einer grundlagentheoretisch ausgerichteten Forschung gehört die Analyse von Prozessen, die die basale Anerkennung des Status als soziale Person und Bürger betreffen (Per­spektive gesellschaftlicher Grenzregime). Hier werden sozial- und gesellschaftstheoretische Fragen so aufbereitet, dass sie an politikwissenschaftliche Fragestellungen transnationalen Regierens und Demokratisierung anschlussfähig werden.

In der Perspektive der Politikdidaktik und Politischen Bildungsforschung erschließt die Fokussierung auf Inklusions-/Exklusionsprozesse ebenfalls neue Frageperspektiven. Über die Forschungen zur Kompetenzmessung hinausgehend kann man danach fragen, wie sich Inklusion/Exklusion ereignet, wie Inklusionsorientierung Exklusion erzeugt und in subjektivierenden Selbstbildungen verarbeitet wird. Dies kann zu einer differenzierteren Einschätzung von Inklusions- und Engagementpolitiken sowie von Ansätzen des Demokratie-Lernens beitragen. Subjekttheoretisch begründete politische Bildungsforschung untersucht das Bedingungsverhältnis zwischen einerseits Phänomenen des Wandels von Staatlichkeit und Demokratie und andererseits veränderten Formen der Subjektivierung und Regierungstechniken des Selbst. Durch qualitative empirische Bildungsforschung werden die Potentiale und Grenzen institutionalisierter Partizipationsformen sowie Formen politischer Kommunikation, Protest- und Beteiligungsformen unter der Perspektive der Subjekt- und politischen Bewusstseinsbildung analysiert. Dabei werden u.a. folgende Problembereiche bearbeitet: Subjektivierung als Grenzerfahrungen in Transformationsgesellschaften; Partizipationskulturen und Kritiklernen im Politik- und Wirtschaftsunterricht; forschendes Lernen/Politikwerkstatt: Inklusions- und Exklusionsprozesse in Schulbüchern und Unterrichtsmedien. Auf dieser Grundlage stellt sich die Frage nach der gestuften Anerkennung als Subjekt in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen (Wirtschaft, Recht, Politik, Sport usw.) bzw. die Frage nach der partiellen Exklusion durch partielle Aberkennung des Subjektseins.