Moderne Gesellschaften werden zuneh­mend von Prozessen bestimmt, die nationale Grenzen über­schreiten und jenseits der internationalen Beziehungen von Staaten Spielräume eröffnen und Spiel­regeln definieren. Es entstehen transnationale Netzwerke und Kooperationen von Unternehmen, Ver­bänden, sozialen Bewegungen, bürgergesell­schaftlichen Akteuren und Körperschaften; selbst Recht wird auf europäischer Ebene und transnational gesetzt. Europäisierung und Transnationalisie­rung verweisen somit auf die Reorganisation von Wirtschaftsstrukturen, grenzüberschreitenden Vergesell­schaftungs- und Verflechtungsmustern und politisch-rechtlichen Regulationsstrukturen über national­staatliche Grenzen hinweg.

Die Sozialwissenschaften müssen Europäisierungs- und Transnationalisierungsprozesse in ihrer Viel­schichtig­keit und in ihren Konsequenzen besser verstehen lernen und sich von der Vorstellung von Gesellschaft als national begrenzten sozialen Räumen trennen und stärker in Rechnung stellen, wie kollektive Ent­scheidungen und Rechtsetzungen von gesellschaftlichen Akteuren außerhalb traditio­neller staatlicher Kanäle zustande kommen und wie diese im Zusammenspiel von Staaten und transnational vernetzten Gruppen und Organisationen entwickelt werden. Die Beschreibung transnationaler Problemlagen und die Erforschung grenzübergreifender Problemlösungsansätze durch "transnationale Studien" stellt eine tiefgreifende methodologische Her­ausforderung dar. Neben nationalstaatliche Ver­gesellschaftungsmuster treten sub-, supra- und transnationale Handlungsräume und Regula­tions­strukturen, die nicht mehr in den traditionellen Kate­gorien des Containerraums gefasst werden kön­nen. Gefragt sind relationale Raumbegriffe, um die Dynamik von Entgren­zung und Begrenzung, von Öffnung und Schließung theoretisch zu fassen. Beispiele für sol­che Räume, die durch die territoriale Verdichtung übergreifender, tendenziell globaler Netz­werke gekennzeichnet sind, sind Städte, Wirtschaftsregionen und die EU.

Damit stehen die Sozialwissenschaften vor der Herausforderung, die Herausbildung neuer Regu­la­tions­strukturen jenseits der nationalstaatlichen Ordnungen von Arbeit, Wissen, Bildung, privaten Lebensformen, Regierung, Wohl­fahrt, Konfliktregulierung und Identitäten zu untersuchen. Zum einen kann die schrittweise, in der Re­gel pfadabhängige Transformation nationalstaatlicher Vergesellschaftungsmuster und die Erosion bis­heriger Selbstverständlichkeiten, Hintergrund­annahmen und Situationsdefinitionen erwartet wer­den, zum anderen die Entwicklung neuer, transnationaler Vergesellschaftungsmuster und Governancestrukturen.

Im Schwerpunktbereich "Europäisierung nationaler Gesellschaften" stehen die international verglei­chende Untersuchung nationaler Vergesellschaftungsprozesse und die Analyse transnationaler, ins­besondere europäischer Vergesellschaftungsprozesse. Die Blickrichtung ist primär soziologisch und fokussiert auf den Wandel sozialer Räume. Es sollen die national unterschiedlichen Ausgestal­tungen von Raum-, Arbeits-, Bildungs-, Wissens- sowie normativen Ordnungen im internationalen Ver­gleich und die Öffnung und Entgrenzung nationaler Räume in unterschied­lichen Feldern (Arbeit und Inno­vation, Wissen, Bildung und private Lebensformen, Urbanität, soziale Ungleichheiten und soziale Identitäten, Konfliktregulierung) analysiert werden.

Im Schwerpunktbereich "Politische Prozesse in transnationalen Räumen" steht das Spannungs­ver­hältnis zwischen nationalstaatlichen Institutionen und entgrenzten Vergesellschaf­tungsprozessen im Mittelpunkt. Die Blickrichtung ist politikwissenschaftlich und fokussiert auf poli­tische Prozesse inner­halb nationaler politischer Systeme in Bezug auf supra- und subnationale Kata­lysatoren kollektiv verbindlicher Entscheidungen. In einer transnationalen Perspektive sollen die Öff­nung und Entgrenzung nationaler Vergesellschaftungsmuster und die damit einhergehenden gesell­schaftlichen Veränderungs­prozesse durch den Übergang von nationalen, relativ abgeschlossenen Arenen zu grenzüber­greifenden, europäisch und international regulierten Feldern analysiert werden.

Damit verdichtet diese Säule die soziologische und politikwissenschaftliche Perspektive zu einem integrierten Forschungsansatz mit den folgenden Leitfragen:

  • Verändern sich bislang vorrangig national strukturierte Institutionen durch die Verdichtung euro­päischer und transnationaler Regulationsstrukturen und den damit einhergehenden politi­schen Verflechtun­gen und Abhängigkeiten?
  • Verändern sich bislang vorrangig national strukturierte Institutionen durch grenzüberschrei­tende Kommunikations- und Austauschbeziehungen und durch wech­selseitige Lernprozesse?
  • Inwiefern geht dies mit einer Ent- und Neustrukturierung nationalstaatlicher Ordnungen und ent­sprechenden Verunsicherungen und Konflikten einher?
  • Verändert sich die relative Bedeutung verschiedener Ebenen der Vergesellschaftung? Gewin­nen Städte und Regionen als Orte für räum­lich konzentrierte Innovationsprozesse und als Be­zugspunkte für kollektive Identifikatio­nen, Integrationsprozesse und Sozialpolitik an Be­deu­tung?

Die empirische Bearbeitung europawissenschaftlicher und transnationaler Fragestellungen sowie die Verbindung von quantitativen und qualitativen Methoden schafft Bezüge zu dem von den Universi­täten Bremen und Oldenburg getragenen Zentrum für Transnationale Studien, das um sozialwissen­schaftliche Arbeitsgruppen erweitert werden wird.