Ausbildung zu "Werte und Normen"-Lehrern

Warum und wozu die Ausbildung zu Lehrerinnen und Lehrern im Unterrichtsfach Werte und Normen?

Gegenwärtig weist der Schulunterricht im Fach Werte und Normen gravierende Mängel auf - am schwersten wiegt: Der Unterricht wird in der Regel durch Fachfremde, nämlich durch Religionslehrer, Deutschlehrer u.s.w., erteilt; es fehlen im Fach ausgebildete Lehrer.

Traditionell war mit der (christlichen) Religion (und eben auch mit dem Religionsunterricht in der Schule) die Ausbildung dessen, was Moralität genannt wird, verknüpft. Wird nun, was gegenwärtig zu beobachten ist, die Religion gesellschaftlich geschwächt, und zwar sowohl theoretisch als auch im Alltag, so scheint damit - quasi uno actu - die Moralität mitbetroffen. Angesichts zunehmender Gewalt in der Gesellschaft (und eben auch in der Schule) ist es verfehlt, ‘Wert’-Fragen dem gesunden Menschenverstand bzw. der Politik zu überlassen und die ‘nachmetaphysische’ Ohnmacht gegenüber ‘Wert’-Fragen in religiösen Ritualen zu verklären. Gegensteuern vermag hier ein Schulunterricht in “Werten und Normen”, erteilt von in der Sache kompetenten und wissenschaftlich gebildeten Lehrern.

Die Schule der Zukunft ist die multireligiöse Schule. Angesichts eines möglichen Auseinanderfallens in gegenseitig sich abschottende Religionsgemeinschaften bedarf es eines allgemeinen und insoweit einheitlichen und verpflichtenden Nachdenkens über Werte, was die gleichberechtigte Vielfalt der Kulturen und Religionen überhaupt erst ermöglicht. Deswegen ist die rationale Begründung von Werten notwendig. Von Schülern muslimischen Glaubens und von Ausländerkindern (wie z. B. Indern) kann nicht erwartet werden, dass sie akzeptieren, dass die Grundlagen der Ethik innerhalb des christlichen Religionsunterrichts vermittelt werden.

“Werte und Normen” ist ein Zukunftsfach. Wenn die bundesrepublikanische Gesellschaft für andere Kulturen und Religionen sich öffnen wird (und muss), ist es erforderlich, dass einerseits die grundlegenden Konzepte von Judentum, Christentum, Islam sowie Buddhismus und Hinduismus von allen verstanden werden (die Aufgabe der Religionswissenschaft) und dass andererseits eine rationale Verständigung in dieser Gesellschaft über Werte erfolgt (die Aufgabe der Wissenschaft der Ethik). Nur über die Reflexion der Geschichte der Ethik, über Begriffe wie Freiheit, Individuum und Moral und nur über das Begreifen der Deutungszusammenhänge von religiösen Systemen von deren eigenen Voraussetzungen her wird eine solche Verständigung möglich. Nichtstun, fachfremdes Unterrichten oder ‘Ethik aus dem Bauch heraus’ dagegen befördern bloß dasjenige, was als ‘Abbruch der Kultur’ zunehmend beklagt wird.

Der europäische Vergleich lehrt: In Frankreich und Italien ist Philosophie an den Schulen wesentlich stärker präsent. Das Hinterherhinken der Bundesrepublik in dieser Hinsicht wird mit fortschreitender EU-Integration nicht mehr tolerabel sein.

Wodurch zeichnet sich das Studium für die Ausbildung zu “Werte und Normen”-Lehrern aus? Bildung und Ausbildung im Fach “Werte und Normen” orientieren sich an folgenden übergeordneten Zielen:

  • Reflexion der Grundlagen von Moral und Recht, 

  • Reflexion der Grundlagen dessen, was geglaubt wird (Religion), und dessen, was man hoffen darf (Vernunftglaube),

  • Reflexion des Verhältnisses von Gesellschaft und “Werten und Normen”.

Aufgrund dieser Bildungsziele stützt sich das Studium einerseits auf das, was traditionell Praktische Philosophie oder Moralphilosophie ist, und andererseits auf grundlegende Inhalte der Religionswissenschaft. Für die Werte und Normen Studiengänge an der Universität Oldenburg kooperieren der Fachbereich 9 (Studiengang Religionswissenschaft) an der Universität Bremen und das Institut für Philosophie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Federführend ist das Institut für Philosophie.

Text: apl. Prof. Dr. Ulrich Ruschig