24.07.2018 – Forschung,Köpfe

Wenn Musik politisch wird

  • Prof. Dr. Mario Dunkel erforscht, welche Rolle populäre Musik für den Aufstieg populistischer Ideologien in Europa spielt. Foto: Universität Oldenburg

Eine internationale Forschergruppe um den Musikpädagogen Mario Dunkel geht der Frage nach, welche Rolle Musik für den Aufstieg des Populismus spielt. Die VolkswagenStiftung unterstützt das Vorhaben mit knapp einer Million Euro. 

Was haben die Wahlerfolge der AfD, die Beteiligung Zehntausender an Pegida-Demonstrationen oder der Einzug der FPÖ ins österreichische Parlament mit Bands wie frei.wild oder dem selbst ernannten Volks-Rock’n‘Roller Andreas Gabalier zu tun? So einiges, vermutet Musikpädagoge Prof. Dr. Mario Dunkel. Gemeinsam mit Kollegen aus Ungarn, Österreich, Italien und den Niederlanden geht er in einem Forschungsprojekt  der Frage auf den Grund, inwiefern kommerziell erfolgreiche Musik mit der Verbreitung populistischer Ideologien zusammenhängt. Die VolkswagenStiftung fördert das Vorhaben im Rahmen der Ausschreibung „Herausforderungen für Europa“ für drei Jahre mit insgesamt knapp einer Million Euro.

Die kulturelle Dimension des Populismus

„Wir beobachten seit einigen Jahren in verschiedenen europäischen Ländern, dass abseits von Nazi- oder Rechtsrock-Bands auch sehr populäre Musiker populistische Ideen aufgreifen und damit weite Teile der Gesellschaft erreichen“, erklärt Dunkel. In insgesamt drei Projektphasen nähern sich die Wissenschaftler diesem Phänomen populistischer, populärer Musik am Beispiel der Länder Deutschland, Ungarn, Österreich, Italien und Schweden. Gemeinsam analysieren sie zunächst musikwissenschaftlich, welche populistischen Elemente in kommerziell erfolgreichen Stücken zu finden sind. Dabei betrachten sie sie die Verbindung zwischen Songtext, Musikvideo und musikalischen Parametern wie Form, Rhythmus, Melodik, Harmonik und Sound.

Anschließend geht es um die Rezeption dieser Lieder aus soziologischer Perspektive. Hierfür sind in den fünf Beispielländern moderierte Gruppendiskussionen mit Erstwählern geplant. In der letzten Phase des Projekts geht es darum, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern herauszustellen.

Es ist die kulturelle Dimension des Populismus, die die Forscher mit ihrem Projekt in den Blick nehmen. Obwohl populistische Bewegungen die emotionale und identitätsstiftende Wirkung populärer Kultur gezielt einsetzten, werde dieser Aspekt in Studien bisher kaum berücksichtigt, sagt Dunkel. Der Musik komme als europaweit führender Zweig der Kultur- und Kreativwirtschaft eine zentrale Rolle zu.

Herausforderung für europäische Wertegemeinschaft

Typisch für populistische Ideologie sei beispielsweise, zwischen den „korrupten Eliten“ und dem „echten Volk“ zu unterscheiden. Ein Merkmal, das sich auch in Liedern von Gabalier wiederfinde, sagt Dunkel: „2014 wurde er in der Presse dafür kritisiert, eine alte Version der österreichischen Bundeshymne gesungen zu haben, in der es nur ‚Söhne‘ und nicht ‚Söhne und Töchter‘ hieß. Als Reaktion veröffentlichte er das Lied ‚A Meinung Haben‘, in dem er die angebliche Meinungsdiktatur der Eliten kritisiert.“

Eng verbunden mit diesem Lagerdenken seien laut Dunkel häufig demokratiefeindliche Tendenzen: „Wer für sich beansprucht, den Willen des Volkes zu repräsentieren, ist nicht auf demokratische Strukturen angewiesen.“ Damit stellten populistische Bewegungen die Werte, auf denen die Europäische Union basiert – wie beispielsweise die demokratische Ordnung oder den Schutz von Minderheiten – infrage. „Um mit diesen Veränderungen umzugehen, müssen wir sie zunächst verstehen. Dazu wollen wir mit unserer Grundlagenforschung beitragen“, fasst Dunkel die Ziele des Projekts zusammen. Die Ergebnisse könnten außerdem Anknüpfungspunkte für didaktische Methoden bieten, die ein kritisches Bewusstsein gegenüber populistischen Kulturen fördern – ein Aspekt, der dem Wissenschaftler, der seit April 2017 die Juniorprofessur für Musikpädagogik mit Schwerpunkt transkulturelle Musikvermittlung innehat, besonders wichtig ist.

Seit Jahren schon beschäftigt sich der 36-Jährige in seiner Forschung mit der Frage, wie Musik politisch eingesetzt wird. So hat er unter anderem die westdeutsche Musikdiplomatie während des Kalten Kriegs untersucht. Die Idee zu dem aktuellen Projekt entstand im vergangenen Sommer dann eher zufällig, aus einem Gespräch mit seinem Freund und Kollegen Dr. Martin Niederauer. „Martin empfahl mir das Buch ‚Die autoritäre Revolte‘ von Volker Weiß, woraufhin sich ein Gespräch über den Zusammenhang von Musik und der neurechten Szene entwickelte“, erzählt Dunkel. Die Ausschreibung der VolkswagenStiftung „Herausforderungen für Europa“ ermöglichte es kurz darauf, ein Forschungsprojekt zu diesem Thema umzusetzen.


 

Mehr zum Thema

Institut für Musik

Kontakt

Prof. Dr. Mario Dunkel
Institut für Musik
Tel: 0441-798/4064
mario.dunkel(at)uni-oldenburg.de