11.12.2017 – Köpfe,Forschung

Sich herausfordern lassen

  • Vor einem Graffiti auf dem Campus Haarentor: Beim Zusammenleben in einer ebenso „bunten“, religiös pluralen Gesellschaft sieht Prof. Dr. Dr. Joachim Willems die interreligiöse Kompetenz als Schlüsselqualifikation. Foto: Daniel Schmidt

Religion – spätestens seit der Jahrtausendwende wieder ein gesellschaftliches Megathema. Wie lässt sich das Zusammenleben in einer religiös vielfältigen Welt gestalten? Eine Frage, mit der sich Religionspädagoge Joachim Willems befasst.

Er war jung, er war verliebt – da passten ihm diese Gedanken gar nicht in den Kram. Es war in seiner Studienzeit, als Joachim Willems sich näher mit dem Buddhismus beschäftigte; für einen Studenten der Theologie durchaus nicht ungewöhnlich. Aber für ihn wurde es zu einem prägenden Erlebnis: Was wäre, wenn er dieser Weltanschauung folgte – müsste er dann nicht seine bisherige Sichtweise und Lebenspraxis komplett hinterfragen? Sich im Streben nach Gelassenheit gegenüber dem Leben konsequenterweise zurückziehen, sich also von seiner Freundin trennen, ins Kloster gehen und meditieren lernen?

Joachim Willems, seit dem Frühjahr 2016 Professor am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik, folgte dem schon eingeschlagenen Weg, statt ins buddhistische Kloster zu gehen. Aber die intensive Beschäftigung mit verschiedenen Religionen blieb und bleibt sein steter Begleiter, das Thema „interreligiöse Kompetenz“ kristallisierte sich als ein Schwerpunkt seiner Forschung und Lehre heraus.

Interreligiöse Kompetenz: für den promovierten Theologen und Erziehungswissenschaftler eine kulturelle Basiskompetenz, die in der heutigen, religiös pluralen Welt jeder braucht. Sie bedeute mehr als reines Wissen über Religionen, nämlich das gegenseitige Wahrnehmen und idealerweise Verstehen. Das heiße auch zu hinterfragen, ob eigentlich überall Religion dahinterstehe, wo man sie vermute – schließlich habe jeder Mensch eine individuelle Prägung. „Kulturen sind nicht homogen, Religionen auch nicht“, betont Willems, durch dessen Lebenslauf sich seit der Schülerzeit auch immer wieder Aufenthalte in Russland ziehen, wo er für beide Dissertationen geforscht hat.

Ob angesichts eines Moscheebaus in christlicher Nachbarschaft oder der Debatte um Schul-Prüfungen im Fastenmonat Ramadan: „Bei interreligiöser Kompetenz geht es darum, religiöse Phänomene aus verschiedenen Perspektiven einordnen zu können“, so Willems. „So kann ich mich auf Situationen interreligiöser Begegnung einstellen – ohne dass vorgegeben wäre, wie ich das tue.“

„Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts“

Diese Fähigkeit werde seit der Jahrtausendwende zunehmend wichtig: „Religion war ja lange aus dem Blickfeld geraten, es ging um Traditionsabbruch und Säkularisierung. Um 2001 herum – unter anderem mit den Attentaten des 11. September – geriet sie wieder stärker ins Blickfeld“, erläutert Willems. „Wenn man heute Nachrichten schaut oder die Zeitung aufschlägt, ist Religion das Megathema.“ Dabei gehe es oft weniger um selbst, sondern vielmehr um von Anderen praktizierte Religion. „Und man merkt, man muss sich damit auseinandersetzen – ob in der Soziologie, Pädagogik oder Religionswissenschaft“, betont Willems. Im Klappentext seines Buchs zur Theorie interreligiöser Kompetenz nennt er diese folglich „eine Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts“.

Wie gehen junge Leute mit religiöser Pluralität um? Dieser Frage geht Willems in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt nach: „Religiöse Vielfalt erleben – deuten – bewerten“ (REVIER). Anhand der qualitativen Analyse von Interviews mit 14- bis 19-jährigen Christen, Muslimen und nicht religiösen Jugendlichen versucht er, deren Einstellungen und Weltsichten auf die Spur zu kommen. Diese sind zwar nicht repräsentativ, aber Übereinstimmungen erlauben Aussagen auch über die Einzelfälle hinaus – die jeweils für sich genommen, als Fallstudien, ebenfalls Gelingendes und Defizite im interreligiösen Zusammenleben aufzeigen und so sensibilisieren können.

Etwa der Fall des 17-jährigen Muslims, der vom Singen eines Weihnachtsliedes im Musikunterricht erzählt. Ein Mitschüler, so der Interview-Wortlaut, habe ihm da gesagt: „‚Jesus Christus ist geboren‘, also provozierend. Also nach dem Motto, Jesus Christus ist im Christentum. Siehst du?“ Die Replik dürfte zumindest den Mitschüler überrascht haben: „Hey, na klar, finde ich sogar super, dass wir darüber singen! Das ist ein Prophet, und der hat vieles gebracht. Die Bibel selber gehört ja zu den Büchern Gottes; also im Islam jetzt.“

Willems entwickelte aus dieser Situation auch ein Konzept für eine Religionsstunde – mit Rollenspiel zum möglichen Ausgang, ehe die unerwartete Auflösung folgt, und Anknüpfungspunkten für weitere Schulstunden zu Christentum, Islam und interreligiösen Begegnungen. Diese setzte der zweifache Vater selbst an einem Berliner Schulzentrum um, wo er neben und nach der Habilitation an der Humboldt-Universität unterrichtete.

Die Schüler zu eigenen Positionen ermutigen

Die Erkenntnisse aus den insgesamt 30 Interviews, die Willems analysiert hat, sind vielschichtig. Im Hinblick auf die muslimischen Gesprächspartner konstatiert er, dass diese „durch die Bank die Stereotype der nicht-islamischen Mehrheitsgesellschaft kennen und permanent Perspektivenwechsel vollziehen können“. Beispiel: eine Kopftuch tragende Schülerin, die von einem Gespräch mit einer Lehrerin berichtet. Interessant dabei: „dass die vermeintlich vormoderne und undemokratische Schülerin sich beim Tragen ihres Kopftuchs auf individuelle Freiheitsrechte beruft – während die Lehrerin, die sich als Vertreterin einer genau darauf basierenden rechtlich-sozialen und kulturellen Ordnung versteht, der Schülerin diese Rechte abspricht“. Während der Schülerin auch die Denkweise der anderen Seite bewusst sei, so Willems, habe die Lehrerin ihre Sichtweise und sei der Meinung, so ist die Welt. Ähnliche Beispiele kennt er, wenn es um Gebetsmöglichkeiten in Schul-Pausen geht.

Willems stellte im Projekt REVIER auch fest, „wie schnell man generell, wenn es um das Thema Religion geht, beim Islam ist“. Dort werde religiöse Praxis sichtbar oder manchem erst bewusst und offenbar somit zum Thema. So zeige sich auch das große Interesse seiner Studierenden am Thema interreligiöses Lernen besonders beim Islam. Willems hat eine Islamwissenschaftlerin in seinem Team angestellt, „und deren Seminare sind voll“.

Für den 43-Jährigen geht das Thema seiner Professur, Religionspädagogik, über die Fachdidaktik Religion hinaus – und beschreibt zielgerichtete religiöse Kommunikationsprozesse im Kontext der Gesellschaft, nicht nur in der Schule, sondern beispielsweise auch in der Kirchengemeinde. Dennoch sei die Schule ein zentraler Schauplatz, etwa um religiöse und interreligiöse Kompetenz zu vermitteln, „weil es keinen anderen Ort gibt, an dem man tatsächlich alle erreicht“.

Besonders wichtig erscheinen ihm dabei subjektive Bezüge: Einen Religionsunterricht, der die Schüler nicht zu einer eigenen Position ermutigt, vergleicht Willems mit „Musikunterricht ohne Hörerlebnis, der Musik nur distanziert anhand von Partituren, Linien, Vorzeichen betrachtet“. Sein Appell nicht nur an die Schüler, sondern auch an die Lehrer: sich – beispielsweise von den teils radikalen Aussagen biblischer Geschichten – berühren, herausfordern lassen, die eigene Haltung zu Sinnfragen klären. So ähnlich, wie er sich einst vom Buddhismus herausfordern ließ. „Mit mir als Individuum geschieht etwas, indem ich mich mit der Welt auseinandersetze, in der Welt handele – darum geht es bei Bildung.“