06.10.2017 – Forschung

Mobil trotz weiter Wege

  • Mobilität trotz Abgeschiedenheit: Das Projekt "NEMo" will die Verkehrssituation im ländlichen Raum nachhaltig verbessern. Foto: istock/instamatics

Mobilität auf dem Land – eine wachsende Herausforderung in Zeiten zunehmender Urbanisierung. Im inter- und transdisziplinären Projekt NEMo streben Wissenschaftler unter Oldenburger Leitung nach nachhaltigen Lösungen. Ein Zwischenstand.

Schon der Name verrät die Stoßrichtung des Projekts: NEMo steht für „Nachhaltige Erfüllung von Mobilitätsbedürfnissen im ländlichen Raum“. Die Betonung liegt auf nachhaltig. Das 18-köpfige wissenschaftliche Team um den Oldenburger Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Jorge Marx Gómez strebt nach einer langfristigen Lösung für ein wachsendes Problem: Supermärkte, Ärzte, Banken und andere Einrichtungen des täglichen Bedarfs siedeln sich ihrer Erfahrung nach zunehmend in Städten und deren Umlandgemeinden an. Auf dem Land sind diese „Versorger“ dagegen immer seltener zu finden, was der Bevölkerung längere Wege aufzwingt. Gleichzeitig wird der öffentliche Nahverkehr immer weiter eingeschränkt – häufig, weil die Nachfrage sinkt und Kommunen zum Sparen angehalten sind.

Der Mobilitätsnachteil auf dem Land wird den Wissenschaftlern zufolge insbesondere beim täglichen Weg zur Arbeit sichtbar. Schwierig sei die Situation gerade für junge Menschen, die noch keinen Führerschein haben. „Wir haben herausbekommen, dass Auszubildende ihren Beruf auch danach auswählen, ob Firma und Berufsschule überhaupt für sie erreichbar sind“, sagt Benjamin Dietrich, der sich bei NEMo um die Projektadministration und das Projektmanagement kümmert. „Es ist erschreckend, dass junge Menschen ihren Wünschen nicht nachgehen können, weil sie nicht mobil genug sind“, findet der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler.

Hier setzt das NEMo-Team an. Die Idee: Dort, wo Bus und Bahn selten oder gar nicht fahren, sorgen Bürger selbst für Mobilität – zum Beispiel, indem sie Nachbarn im Auto mitnehmen oder eine schwach frequentierte Bushaltestelle bedienen. Das schließt Versorgungslücken im öffentlichen Nahverkehr und schont die natürlichen Ressourcen. Und: Es ermöglicht der Bevölkerung auf dem Land – gerade älteren Menschen – eine stärkere soziale Teilhabe.

Konkret wollen die Wissenschaftler eine Mobilitätsplattform entwickeln, die die verschiedenen Bedürfnisse und Anforderungen abbildet und Menschen zielgerichtet zusammenbringt. Dieser Gedanke der vernetzten Mobilität ist indes nicht ganz neu: NEMo schließt an das Projekt „Schaufenster Elektromobilität“ an, das die Universität Oldenburg (Abteilung Wirtschaftsinformatik, VLBA)  bis 2015 mitgestaltet hat. Neu ist allerdings der klare Fokus auf den ländlichen Raum.

Bürger äußern Wünsche

Gestartet ist das auf rund drei Jahre angelegte Projekt im März 2016. Inzwischen, etwa zur Halbzeit, kann das Team erste Ergebnisse vermelden: Wissenschaftler der an NEMo beteiligten Universitäten Lüneburg und Braunschweig haben zwei Online-Umfragen in Oldenburg und der Wesermarsch mit mehreren Hundert Teilnehmern und qualitative Interviews mit etwa 25 Personen durchgeführt und ausgewertet. „Wir haben sehr interessante Einblicke bekommen, welche Wünsche die Menschen im ländlichen Raum bezüglich ihrer Mobilität haben und konnten diese sogar schon größtenteils in die Plattform implementieren“, sagt Alexander Sandau, der als Doktorand der Wirtschaftsinformatik am Projekt mitwirkt.

Die jüngste Online-Umfrage, an der im vergangenen Juni mehr als 300 Bewohner des Landkreises Wesermarsch teilgenommen haben, nahm das Thema „Mitfahrgelegenheit“ in den Fokus. „Es zeigt sich, dass die meisten Befragten eine mobile Plattform als Organisationsform für Mitfahrten bevorzugen“, sagt Dietrich. Mittlerweile habe fast jeder ein Smartphone oder einen internetfähigen Computer, da sei eine Online-Lösung einfach am flexibelsten nutzbar. „Der Zuspruch für eine Online-Lösung freut uns natürlich sehr, denn genau das ist ja die Idee von NEMo“, ergänzt Sandau.

Die Umfrage in der Wesermarsch ermittelte außerdem, unter welchen Bedingungen sich die Befragten überhaupt vorstellen könnten, zu jemandem ins Auto zu steigen beziehungsweise Fahrten anzubieten. Das Ergebnis: Fahrgemeinschaften, die den Rückweg gleich mit abdecken, sind besonders gefragt. Außerdem steigen Mitfahrer bevorzugt bei Frauen ein und das am liebsten tagsüber. Fahrer legen dagegen Wert darauf, nicht allzu große Umwege in Kauf nehmen zu müssen. Die Toleranzschwelle liegt demnach bei vier Kilometern.

„Es gab auch schon konkrete Forderungen an die Plattform“, ergänzt Sandau. Ganz oben auf der Wunschliste stehen ein transparentes Preissystem sowie die Möglichkeit, die Fahrten bewerten zu können. „Die Mitfahrer machen sich schon Gedanken darüber, zu wem sie da ins Auto einsteigen. Diesen Sorgen könnten wir mit einem Bewertungssystem Rechnung tragen“, sagt Dietrich. Schließlich setze eine Mitfahrgelegenheit ein Vertrauensverhältnis voraus.

Feldversuch startet im Winter

Diese und weitere Wünsche arbeiten er und seine Kollegen derzeit in den Prototypen der Mobilitätsplattform ein, zusammen mit passenden Daten, die Kooperationspartner zur Verfügung stellen, beispielsweise die Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs. Die Plattform bildet also nicht nur potenzielle Mitfahrmöglichkeiten ab, sondern zeigt auch Alternativen oder Anschlussmöglichkeiten an Bus und Bahn auf. In einigen Wochen soll bereits ein Feldversuch für die NEMo-App starten, geplant ist auch ein Bürgerforum. „Auf diese Weise möchten wir interessierte Bürger einbinden und frühzeitig Feedback erhalten“, sagt Sandau. Parallel zur Entwicklung der Plattform läuft die Befragung allerdings weiter, die Ergebnisse werden nach und nach eingearbeitet.

„Gerade diese parallel laufende, interdisziplinäre Zusammenarbeit macht NEMo so besonders“, sagt Sandau. Die Sozialwissenschaftler erheben nach und nach die Bedürfnisse der Menschen. Stück für Stück überführen Ökonomen, Juristen und Verkehrswissenschaftler diese Bedürfnisse in Geschäfts- und Organisationsmodelle, aus denen die Informatiker dann die Mobilitätsplattform entwickeln, die die Bürger wiederum testen. So ziehen alle an einem Strang, um die Mobilität im ländlichen Raum nachhaltig zu verbessern.

NEMo wird vom Land Niedersachsen und der VolkswagenStiftung mit 1,5 Millionen Euro gefördert. Neben der Universität Oldenburg sind die Universität Lüneburg und die Technische Universität Braunschweig beteiligt, sowie zahlreiche assoziierte Partner aus kommunalen Einrichtungen und der Industrie. An der Universität Oldenburg sind fünf Professoren involviert: Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Jorge Marx Gómez, Softwaretechniker Prof. Dr. Andreas Winter, Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Taeger sowie Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Jürgen Sauer und Prof. Dr. Frank Köster als Experte für intelligente Transportsysteme. Des Weiteren sind an der Universität Lüneburg Prof. Dr. Anna Henkel (Sozialtheorie) und Prof. Dr. Jantje Halberstadt (Social Entrepreneurship) sowie Prof. Dr. David Woisetschläger (Dienstleistungsmanagement) von der Universität Braunschweig beteiligt.


 

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Prof. Dr. Jorge Marx Gómez
Department für Informatik
Tel: 0441/798-4470
jorge.marx.gomez(at)uni-oldenburg.de