02.05.2017 – Forschung

Besser in Behandlung

  • An der Schwelle zum Erwachsenwerden bricht bei ADHS-Patienten die Behandlung zu häufig ab, wie eine Studie an der Schnittstelle von Psychiatrie und Versorgungsforschung zeigt. Foto: Tim Gouw/ unsplash.com

Wenn ADHS-Patienten erwachsen werden, ist ihre Störung damit nicht unbedingt beendet – doch die Behandlung bricht oft ab, so Wissenschaftler der Universität. Auch die Oldenburger ADHS-Ambulanz möchte die Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie daher besser verzahnen.

Ob es an den Lebensumständen junger Erwachsener liegt, die zum Start von Ausbildung oder Studium vielleicht umziehen und am neuen Wohnort noch keinen Arzt haben? Oder liegt es womöglich am Irrglauben, das Problem sei mit dem Ende der Pubertät ausgestanden? Jedenfalls bricht die Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) oft ab, wenn betroffene Patienten erwachsen werden – auch wenn die Störung samt Risiken fortbestehen kann. Diesen Schluss ziehen Versorgungsforscher Prof. Dr. Falk Hoffmann und Psychiaterin Prof. Dr. Alexandra Philipsen gemeinsam mit dem Marburger Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Dr. Christian Bachmann aus den Krankenkassendaten von 24 Millionen Versicherten der Allgemeinen Ortskrankenkassen.

Das Autorentrio betrachtete unter anderem diejenigen ADHS-Patienten, die im Jahr 2008 – zu Beginn des ausgewerteten Zeitraums – 15 Jahre alt waren: 4340 Jungen und 1523 Mädchen. Im Alter von 21 Jahren hatte die Diagnose nur bei 31,2 Prozent der jungen Leute Bestand, obwohl eine anhaltende Störung bei etwa 50 Prozent zu erwarten wäre. „Die Hälfte der ADHS-Patienten zeigt auch im Erwachsenenalter noch Symptome, wie wir aus anderen Studien wissen“, sagt Philipsen, Leiterin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. „Die Auffassung, dass ADHS sich mit der Pubertät regelhaft auswachse, ist überholt.“

Die medikamentöse Behandlung nahm im selben Zeitraum noch stärker ab. Hatten 51,8 Prozent der 15-jährigen Patienten aufgrund der ADHS Medikamente verschrieben bekommen, waren es im Alter von 21 Jahren nur noch 6,6 Prozent der ursprünglichen Gruppe. Eine unbehandelte ADHS birgt verschiedene Gefahren, von einem höheren Risiko für einen schlechteren Schulabschluss oder einen Jobverlust bis hin zu höherer Sterblichkeit. Umso wichtiger, so die Autoren, sei ein guter Übergang in die erwachsenmedizinische Versorgung, wenn beim Erreichen des 18. – spätestens des 21. – Lebensjahres der Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinderarzt nicht mehr zuständig ist.

Insgesamt gehen die Experten von vielen unerkannten derartigen Störungen bei Erwachsenen aus. Zwar habe sich die Diagnosehäufigkeit bei den 18- bis 69-Jährigen von 0,22 Prozent im Jahr 2009 binnen fünf Jahren auf 0,4 Prozent beinahe verdoppelt. „Tatsächlich dürften aber mindestens ein Prozent der Erwachsenen eine ADHS aufweisen – und das wäre noch vorsichtig geschätzt“, betont Philipsen. Angesichts monatelanger Wartezeiten für Termine in den ADHS-Erwachsenenambulanzen seien weitere solche Einrichtungen nötig.

So erlebe auch die Ambulanz der Oldenburger Uniklinik eine „enorme Nachfrage“ mit Anmeldungen aus dem gesamten Nordwesten Deutschlands bis Osnabrück und Hannover, teils noch darüber hinaus. Angesichts der aufwändigen Diagnostik mit biografischem Interview, Gesprächen mit Angehörigen, dem Sichten von Zeugnissen sowie organischen und psychologischen Untersuchungen betrage die Wartezeit für neue Patienten momentan fast ein Jahr. „Wir haben eine Tür aufgemacht und bekommen sie kaum noch zu“, so Philipsen, deren Team im Forschungsverbund ESCAlife unter anderem unterschiedliche Behandlungsmethoden für 16- bis 45-jährige ADHS-Patienten untersucht.

Um die sogenannte Transitionsphase beim Erwachsenwerden von ADHS-Patienten besser zu begleiten, sei die ADHS-Ambulanz bemüht, die Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendlichen- sowie Erwachsenenpsychiatrie künftig weiter zu stärken. Dazu gehöre auch eine stärkere Verzahnung mit niedergelassenen Psychiatern in der Region, so Psychiaterin Philipsen.

Versorgungsforscher Hoffmann hat in einer weiteren Studie gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern die Verschreibung von ADHS-Medikamenten an Kinder und Jugendliche in Deutschland mit derjenigen in anderen Ländern verglichen. Den Daten von neun Millionen Versicherten der Barmer GEK zufolge stieg unter Kindern und Jugendlichen im Alter bis 19 Jahren der Anteil derjenigen mit ADHS-Medikation zwischen 2005 und 2012 von 1,3 auf 2,2 Prozent an. Die Zunahme fiel weniger deutlich aus als etwa in den Niederlanden, wo sich die Medikationsquote auf 3,9 Prozent mehr als verdoppelte. 

Entscheidend: wie sensibel die Eltern sind
und wie schnell Ärzte den Rezeptblock zücken

Am stärksten fiel hierzulande der Anstieg bei den 15- bis 19-Jährigen aus, deren Medikationsquote sich von 0,89 auf 1,96 Prozent ebenfalls mehr als verdoppelte. Am häufigsten erhielten in Deutschland 10- bis 14-Jährige ADHS-Medikamente: 4,34 Prozent – also jeder 23. – ein Anstieg um fast 50 Prozent gegenüber 2005, als es noch 2,91 Prozent waren. Bei den Fünf- bis Neunjährigen stieg die Medikationsquote um rund 24 Prozent an, während sie sich lediglich bei den noch jüngeren Kindern verringerte – um zwei Drittel – und quasi gegen null tendierte.

Im internationalen Vergleich zeigen sich teils sehr große Unterschiede. So fiel auf, dass die Verschreibung von ADHS-Medikamenten in den Niederlanden zuletzt sogar das Niveau in den USA überstieg, während sie im Vereinigten Königreich (UK) auf niedrigem Niveau relativ stabil blieb. In den USA und den Niederlanden verschreiben Ärzte somit ungefähr sieben Mal so häufig ADHS-Medikamente wie im Vereinigten Königreich und fast doppelt so häufig wie in Deutschland.

„Solche auffälligen Ergebnisse erklären sich weniger durch tatsächliche Unterschiede in der Krankheitshäufigkeit zwischen den Ländern“, erklärt Hoffmann. Sie seien höchstwahrscheinlich auf die unterschiedlich ausgeprägte Sensibilität der Eltern zurückzuführen – und darauf, wie schnell Ärzte zum Rezeptblock greifen. „Wenig überraschend sind die hohen Verordnungszahlen in den USA“, so Hoffmann weiter, „da dort auch andere Mittel bei Kindern mit psychischen Erkrankungen häufiger eingesetzt werden als in anderen Ländern.“ Deutschland liege hier international im Mittelfeld. Ob jedoch auch die richtigen Patienten behandelt werden, müsse weitere Forschung zeigen.