Dr. Carola Bebermeier

Kurzvita

Nach dem Studium des Lehramts für Musik, Geschichte und Erziehungswissenschaften an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und an der Universität zu Köln, begann Carola Bebermeier im SS 2009 ihre Dissertation bei Prof. Dr. Melanie Unseld an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit dem Thema "Celeste Coltellini (1760-1828) – Lebensbilder einer Sängerin und Malerin". Die Promotion wurde durch Stipendien der Universität Oldenburg, der Mariann Steegmann-Foundation sowie des DAAD gefördert und ist im Juli 2015 im Böhlau-Verlag erschienen. Im WS 2014/15 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Oldenburg und seit Januar 2016 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am DFG-Forschungsprojekt "Musikalische Preisausschreiben 1766-1870: Grundriss, Datenbank und Bibliographie auf der Grundlage von Musikperiodika" an der Universität zu Köln am Lehrstuhl von Prof. Dr. Frank Hentschel.

 

Dissertationsprojekt

 

“Jedes Menschenleben verdient eine Erzählung, wenn sich nur der Erzähler Rechenschaft giebt, was er erreichen will.“

 

Dieses Zitat des österreichischen Literaturhistorikers Richard Maria Werner (1854-1913) stammt aus der Zeit der großen Monumentalbiographien, dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Dass Werner nicht nur großen Staatsmänner und herausragenden Künstlern eine Biographie zusprach, erschien zu der damaligen Zeit als Besonderheit; er griff damit in die Mitte des 20. Jahrhunderts vor. Mit der Aufforderung zum Ablegen einer Rechenschaft fordert er wiederum auf, über die Biographiewürdigkeit eines Lebenslaufes nachzudenken und mit dem Zusatz „was er erreichen will“, spricht Werner methodische oder letztlich Fragen der Form einer Biographie an. Zu bedenken ist, dass die Biographiewürdigkeit keine Eigenschaft des Biographierten ist, sondern das Ergebnis von Kanonisierungsprozessen und ihren Gegenbewegungen. Eine Biographie kann eine Lebensgeschichte überhaupt erst ‚biographiewürdig‘ und damit bedeutsam werden lassen, indem sie sie darstellt. Auf diese Weise können Biographien nicht nur der Tradierung eines Kanons dienen, sondern diesen auch in Frage stellen oder einen Gegenkanon etablieren. Was ist nun das Ziel des Projektes eine Biographie über Celeste Coltellini (1760-1828) zu schreiben? Warum ist es lohnenswert und sinnvoll, sie außerhalb ihrer umfangreichen Familientradierung und einem kleinen Kreis von Forschern, die sich mit der Opernkultur Wiens und Neapels der 1780er Jahre befassen, bekannt zu machen und sie damit in die  Musikgeschichtsschreibung zu integrieren? Und schließlich die praktische Frage, die wiederum auch das Ziel berücksichtigt: Welche biographische Form ermöglicht die adäquate Beschreibung eines Frauenlebens? Mit einem Blick auf die Gender-Dispositionen, ist es unerlässlich einen grundlegend neuen Zugriff auf das Biographische zu entwickeln, der jenseits des ‚männlichen‘ Genre Biographie – mit seiner an männlichen Lebensläufen entwickelten, traditionell berufsorientierten Beschreibungskategorien und der spezifischen Tendenz zur Universalisierung männlicher Lebenskonstruktionen – angesiedelt ist. Es gilt ein biographisches Verfahren zu entwickeln, das durch einen historisch bewussten, selbstreflexiven sowie multiperspektivischen Umgang mit dem vorliegenden „biographischen ‚Material‘“ gekennzeichnet ist. Dabei ist es von zentraler Bedeutung eine wissenschaftliche Methode zu finden, wie mit biographischen ‚Brüchen‘ und fehlenden Quellen umzugehen ist.

Celeste Coltellinis Leben ist nun in mehrfacher Hinsicht erzählenswert. Durch die Analyse ihres Lebens als Sängerin – als kulturell Handelnder –, aber auch ihrer kulturfördernder Tätigkeiten als Angehörige des gehobenen Bürgertums nach ihrer Eheschließung, lassen sich Tätigkeitsfelder und Handlungsspielräume von Frauen im Kulturbetrieb des 18. und frühen 19. Jahrhunderts aufzeigen und dabei sowohl praktische als auch „intellektuelle Kräftefelder“ und Netzwerke beleuchten, sodass ein Einblick in die unmittelbare Entstehung von (Musik-)Kultur möglich wird.