Forum für Marx-Forschung Oldenburg

 

Vor nun fast 150 Jahren erschien Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Von Karl Marx. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals.

Mit diesem Buch brachte Marx die kapitalistische Produktionsweise auf den Begriff, und dieses Auf-den-Begriff-Bringen war inwendig mit dem Impuls verknüpft, das Begriffene abzuschaffen, weil es einen Widerstreit in der und zu der Vernunft provoziert. Seitdem hat die kapitalistische Produktionsweise sich rasant fortentwickelt bis hin zu dem Zustand, der Globalisierung genannt wird. Das Kapital begleitete diesen Prozeß; seine divergierenden Rezeptionen und kontroversen Interpretationen reflektierten das Weltgeschehen. Es wurde von der Opposition gegen den Kapitalismus für ihren Kampf gegen ihn benutzt. In den Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg und beim Aufbau einer ökonomischen Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise waren Befürworter wie Gegner sich darin einig, diesem Buch eine Schlüsselrolle zuzuschreiben: es sei um die politische Konsequenz des Kapitals gegangen: die Überwindung des Kapitalismus. Der Zusammenbruch der Sowjetunion markiert eine Wende: Das Marxsche Kapital scheint nach und mit 1989 jede bestimmende politische Funktion verloren zu haben.

Die akademische Geschichte von Das Kapital – im speziellen der Marx-Rezeption an deutschen Universitäten – ist schnell erzählt: Das Kapital spielte, wenn überhaupt, eine marginalisierte Rolle. Von Anbeginn hatten die Hüter der akademischen Wissenschaften das Buch als Kampfschrift, als den Kodex wertfreier Wissenschaften verletzend, ausgegrenzt. Über fast ein Jahrhundert wagten es nur einige wenige, dieses Buch zu einem auch innerhalb der Alma Mater diskutierbaren Gegenstand der Wissenschaft zu machen. Diese wenigen erfuhren die politisch-gesellschaftliche Abstempelung des Buches daran, wie der akademische Betrieb sie persönlich mit dem Stempel des unsicheren Kantonisten versah. Nach dem 2. Weltkrieg erwies die Rezeption von Das Kapital – korrespondierend der entstandenen politischen Weltlage – sich als in zwei Stränge geteilt, ohne daß beide Stränge sich wechselseitig anerkannten – oder es gar eine produktive Vermittlung zwischen ihnen gab. In der DDR, in Fortsetzung von Entwicklungen in der Sowjetunion und in den westeuropäischen Kommunistischen Parteien, gab es eine sich scheinbar orthodox gebende Kapital-Lektüre, die ihre Orthodoxie mit der Anwendung im und der Rechtfertigung des Realen Sozialismus verband; indes bildeten sich innerhalb dieser Orthodoxie gegen die vorherrschende Lesart sich wendende Positionen heraus. In den Universitäten der BRD, auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, wurde hingegen der ‘humanistische Marx’ der Frühschriften entdeckt, begrüßt und listig eingemeindet. Einen Markstein in der Geschichte der Kapital-Rezeption stellte, 100 Jahre nach Erscheinen des 1. Bandes, das Frankfurter Colloquium vom September 1967 dar: „Kritik der politischen Ökonomie heute – 100 Jahre Kapital“. Die auf das Colloquium folgende Periode von 1968 bis 1989 präsentierte sich dann als ein Sonderfall der akademischen Geschichte von Das Kapital: Marxisten in einer verglichen mit der Periode vor 1968 (und dann auch mit derjenigen nach 1989) erstaunlichen Anzahl kamen an die Universitäten. Doch die Periode akademischer Anerkennung des Kapitals und einer bemerkenswerten Entfaltung jener auf dem Colloquium begonnenen Debatte währte nur kurz. Mit 1989 endete der singuläre Sonderfall; Das Kapital verschwand aus Forschung und Lehre. Inzwischen ist jener ursprüngliche Zustand akademischer Relegation fast wiederhergestellt.

Anläßlich des 150. Jahrestags des Erscheinens von Das Kapital haben Mitglieder des Instituts für Philosophie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg das Forum für Marx-Forschung Oldenburg gegründet. Dieses Forum nimmt einen neuen Anlauf, um in der Alma Mater jenes politisch brisante Buch zum Gegenstand wissenschaftlicher Debatten zu machen. Die in sich widersprüchliche kapitalistische Produktionsweise erzeugt fortlaufend Widersprüche in zum Teil veränderten, zum Teil neuen Gestalten. Die Wirkungen dieser Widersprüche werden zunehmend spürbar. Im Kapital von 1867 hatte Marx, die damaligen Erscheinungsformen des Kapitalismus vor Augen, die grundlegenden Begriffe der kapitalistischen Produktionsweise dargelegt und erläutert. Diese Begriffe, die das Wesen des Kapitals erkennen lassen, halten bis heute stand. Jedoch ist Das Kapital, was sowohl Befürworter wie Gegner nicht selten übersahen, weder ein theoretisch abgeschlossenes noch ein perfektes noch ein zeitloses Werk. Die in den 150 Jahren seit Erscheinen des Buches durchgesetzte Fortentwicklung des Kapitalismus beleuchtet zentrale, im Marxschen Text offen gebliebene Fragen (als Stichworte seien genannt: Erklärungen des Finanzkapitals, der Funktion des Staates als des ideellen Gesamtkapitalisten, des Imperialismus u.a.) der Theorie über das Wesen des Kapitals. Umgekehrt verweisen diese offenen Fragen auf Widersprüche in der wirklichen Entwicklung des Kapitalismus. Und deswegen lohnt für uns Heutige die Reflexion auf das Marxsche Kapital.

Der Titel der Tagung „150 Jahre Das Kapital – Das Kapital in der Kritik“ kündigt an, daß es um den inwendigen, Begriff und Gegenstand verknüpfenden Zusammenhang von einerseits einer durch 150jährige Geschichte gewitzigten kritischen Lektüre von Das Kapital und andererseits der Kritik des Kapitals als der die gegenwärtige Gesellschaft durchdringenden Produktionsweise gehen soll.

Kurz und bündig gefaßt zielt die Tagung darauf ab, die im deutschsprachigen Raum kaum noch vorhandene akademische Rezeption der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie wiederzubeleben.